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Zusammenarbeit in Open-Source-Projekten Wie sinnvoll ist ein Code of Conduct?

| Autor / Redakteur: Mirco Lang / Stephan Augsten

In vielen Open-Source-Projekten sind in den vergangenen Jahren Codes of Conduct, sprich Verhaltenskodizes aufgetaucht – samt zugehöriger Diskussionen. Aber was hat es mit diesen Seid-doch-bitte-lieb-Zettelchen überhaupt auf sich? Und wie kann man sie adaptieren?

Beim Code of Conduct ist die zentrale Fragestellung: Muss man erwachsenen Menschen noch einmal das kleine Einmaleins des Miteinanders erklären?
Beim Code of Conduct ist die zentrale Fragestellung: Muss man erwachsenen Menschen noch einmal das kleine Einmaleins des Miteinanders erklären?
(Bild gemeinfrei: congerdesign / Pixabay )

Political Correctness ist in der heutigen Zeit ein großes Thema. Und in gewisser Weise ist auch die aktuelle Verbreitung von Verhaltenskodizes in Open-Source-Projekten diesem Anspruch geschuldet. Aber nicht nur. Es werden auch ganz grundsätzliche elterliche Versäumnisse nachgeholt.

Schaut man nur mal ganz kurz in das Thema hinein, überfliegt ein paar Links und konsumiert hier und da die Statements bekannter Open-Source-Player wie Linus Torvalds oder Richard Stallman, könnte man meinen, ohne Code of Conduct würde die Welt zusammenbrechen. Oder mit Code of Conduct – je nachdem von wo der Wind weht.

Auch in der Community geht es bisweilen heiß her. Einerseits freut man sich darüber, zum Beispiel Sexismus bekämpfen zu können, andererseits befürchtet man organisiertes Denunziantentum. Aber was ist denn nun ein Code of Conduct? Wie hilft er Open-Source-Projekten? Woher bekommt man so ein Teil? Und vor allem: Braucht man das?

Seid nett zueinander

Zugegeben, „Seid-doch-bitte-lieb-Zettelchen“ mag auf den ersten Blick ein wenig polemisch und respektlos klingen – das ist durchaus gewollt, trifft es doch den Kern der Sache: Ein Code of Conduct soll im Grunde nichts weiter tun, als die Umgangsformen miteinander zu regeln. Und ja, (gerade) Open-Source-Communities haben da oft Nachholbedarf.

Wer als Nutzer schon einmal – frevelhafterweise spontan – in einem Forum eine Frage gestellt hat, kennt vielleicht die übliche Reaktion: „Frage wurde schon hier, hier, hier gestellt – wer lesen kann ist klar im Vorteil.“ „Bescheuerte Frage, mach das lieber so und so.“ „Google hilft Dir.“ „Liefere erstmal Infos: dies Log, jenes Log, folgende zwölf Config-Dateien, ...“.

Menschen, die in Foren aktiv sind, sind – zumindest bei technischen Themen – häufig nicht sonderlich freundlich, wenn man sich nicht „richtig“ verhält. Natürlich kommt das nicht von ungefähr: Wer eine Frage in einem Forum stellt, könnte sich in der Tat die Mühe machen, vorher die Suchfunktion zu nutzen. Fragen wie „Alles versucht, nix funktioniert, was soll ich machen?“ sind ebenfalls nicht sehr hilfreich. Hier treffen zwei Fronten unversöhnlich aufeinander. Antwortgebende mit hohen Ansprüchen, Fragende, die von Ansprüchen gar nichts wissen. Meist verschwinden letztere mit einem freundlichen Schlusssatz.

Bei Open-Source-Projekten sieht es ähnlich aus. Menschen, die zu dem Projekt beitragen, die Contributors, sind aber zusätzlich nicht selten sehr meinungsstark. Letztlich treffen hier eher Menschen auf Augenhöhe aufeinander. Und dann kommt der Beef. Da kann es sich um Kleinigkeiten handeln, beispielsweise um die Wortwahl in der Dokumentation oder um grundsätzliche Richtungsentscheidungen des Projekts.

Die Argumente sind meist schnell abgehandelt und es folgen Vorwürfe, Beschimpfungen, Kleinkriege. Und das kann ein Projekt massiv ausbremsen. Kontributoren könnten abspringen, sogar Sponsoren. Nun, viele Mitglieder kommen damit wunderbar zurecht. Man könnte auch argumentieren, so sei die Kultur im Netz, speziell in Entwickler- oder Open-Source-Kreisen.

Diese Argumentation stößt aber sehr schnell an ihre Grenzen. Die typischen Teilnehmer an solchen Projekten, männliche Nerds und männliche Entwickler, mögen oft damit leben können. Aber weibliche oder schüchterne Teilnehmer, Minderheiten oder einfach nur halbwegs höfliche Menschen, werden oft schnell Reißaus nehmen oder gar nicht erst anfangen.

Spätestens wenn Sexismus, Rassismus oder sonst eine unselige Diskriminierung die Kommunikation durchdringt, ist selbst für die Hartgesottenen Schluss mit Lustig. Hier kommen die Codes of Conduct ins Spiel. Und die sagen im Wesentlichen tatsächlich, ganz ohne Polemik, nur eines: „Seid nett zueinander, oder sonst …!“

Meist werden hier lediglich einige eigentlich selbstverständliche Umgangsformen aufgeführt. Man soll nicht beleidigen, stets, auch bei Kritik, konstruktiv bleiben, andere mit Respekt behandeln, sich auf Inhalte und Community-Wohl konzentrieren, keine privaten Informationen über andere veröffentlichen, keine sexuellen Avancen machen und so weiter.

Zwei weitere Punkte sind meist vertreten und schon nicht mehr ganz so selbstverständlich für jeden: die Aufforderung, neutrale und einladende Sprache zu nutzen sowie Regeln, was bei Verstößen zu tun ist.

Das will nicht jede/r/s

Bei den letzten beiden Aspekten wird die Kritik häufig laut und deutlich. Die Verwendung neutraler und einladender Sprache scheint vielen Open-Source'lern gekünstelt und kompliziert. Der Einsatz von Gender-Asterisken, Binnen-i und dergleichen ist im Deutschen schwer zu vermitteln.

Im Englischen wird bei den Pronomen etwa auf altertümlich wirkendes „their“ ausgewichen und nur noch von „persons“ oder gar „pers“ gesprochen. Jede Antwort mit „Vielen Dank für Deine Frage, bitte versorge uns weiterhin mit so nützlichen Infos.“ anzufangen, stößt auch nicht überall auf Begeisterung. Vor allem nicht, wenn der Konsens der Antwort letztlich doch ist: „Die Antwort steht oben angepinnt auf der Startseite ...“.

Einige Kontributoren befürchten, sie müssten ihren normalen, informellen Kommunikationsstil aufgeben. Selbst der Verzicht auf sexuell diskriminierende Sprache wird – erfreulicherweise selten – teils mit dem „Argument“ abgetan, in der Community seien doch eh nur Kerle vertreten …, aber da beißt sich die Katze natürlich in den Schwanz.

Die zweite Kritik betrifft das „… sonst ...“: Richard Stallman ist wohl der bekannteste Verhaltenskodex-Kritiker und plädiert – wie zu erwarten – gegen jegliche Art von Enforcement-Richtlinien und Strafkatalogen. Strikte Regeln und die Androhung von Strafen bei Zuwiderhandlung gehen eben nicht gut einher mit den Ethik-lastigen Grundsätzen von Stallman und der Free Software Foundation.

Stallman propagiert stattdessen die GNU Kind Communication Guidelines: Im Grunde ein ganz üblicher Code of Conduct, nur ohne die von Stallman überall gesichteten Strafverfolgungsparagrafen (die übrigens nicht in jedem dieser Kodizes existieren).

Der Freie Software Freunde e.V. sieht, für sich selbst, in derartigen Kodizes gar das Ende der im Vereinsnamen festgehaltenen Freundschaft. Und auch Open-Source-Communities strampeln sich hier und da ein wenig mit diesem Argument ab. Dass das in Großprojekten nicht zwangsläufig funktioniert, zeigt zum Beispiel die Adaption eines Codes of Conduct beim Linux-Kernel, den Linus Torvalds selbst eingeführt hat.

Interessanterweise gilt Torvalds selbst als einer der größten Streithähne überhaupt und ist für seinen rauen Tonfall berüchtigt. In einem Projekt mit Tausenden Beteiligten, die über den halben Erdball verteilt sind, funktioniert Freundschaft nicht als Basis für ein konstruktives Miteinander. Interessant ist vor allem, wo sich die Linux-Gemeinde bedient hat, nämlich beim Contributor Covenant.

Kodex für freie Projekte

Der Contributor Covenant ist eine Code-of-Conduct-Basis, die Open-Source-Projekte adaptieren können, wie es zum Beispiel Metasploit, curl, Eclipse, Jenkins oder Mozilla Webmaker getan haben. Hier werden je fünf Punkte für gewünschtes/unerwünschtes Verhalten aufgezogen und ein paar Rahmenbedingungen gesetzt – nichts wirklich Wildes, nichts, worauf sich nicht nahezu jeder einigen können sollte.

Einen Strafenkatalog gibt es nicht, lediglich eine zentrale Klärungsstelle (Projektleitung) zum Melden von Entgleisungen ist vorgesehen. Immerhin wird Projektverantwortlichen klar gemacht, sie könnten „sich vorübergehenden oder dauerhaften Auswirkungen gegenübersehen“, wenn sie sich nicht an die Vereinbarung halten oder „nicht nach bestem Wissen und Glauben für dessen Einhaltung sorgen“.

Am Ende wird aber doch noch ein möglicher dritter kritischer Punkt angesprochen, der Geltungsbereich. In der Open-Source-Community gab es in der Vergangenheit immer wieder leidenschaftliche Debatten darüber, ob Projektmitglieder ausgeschlossen werden sollten, wenn sie außerhalb des Projektkontexts mit inakzeptablen Meinungen hausieren gehen. Sprich: Soll etwa ein fähiger C-Entwickler aus einem Projekt geworfen werden, wenn er in seiner sonstigen Zeit sexistische Vorträge hält.

Der Contributor Covenant ist vorsichtig und spricht explizit vom Auftreten von Mitgliedern, wenn diese das Projekt repräsentieren – auch außerhalb des Projekts, aber mit Bezug dazu, beispielsweise durch Verwendung einer Projekt-Email-Adresse. Allerdings wird durch den Schlusssatz des Paragrafens durchaus eine Hintertür offengelassen: „Der Begriff ‚Repräsentation des Projektes‘ kann durch die Projektenverantwortlichen weiter ausformuliert und klargestellt werden.“

Ja, wir sind lieb!

Schaut man sich ein paar solcher Kodex-Konstrukte an, wird schnell klar, dass hier vor allem Selbstverständlichkeiten formalisiert werden, die man eigentlich in der frühkindlichen Erziehung erwarten würde: „Wenn Tommy Dir Dein Spielzeug wegnimmt, darfst Du ihn nicht hauen und auch keine bösen Wörter sagen. Erklär ihm, dass Du gerade damit spielt und er es sich gerne leihen kann, wenn er Dich nett fragt.“ Und Tommy bekommt erklärt, dass er eben erst fragen soll. Klingt vertraut, hat auch schon im Kindergarten ganz super funktioniert.

Bei all der Lächerlichkeit, die durchaus mitschwingt, wenn man erwachsenen Menschen tatsächlich nochmal das kleine Einmaleins des Miteinanders erklären muss: Man muss es. Und es sind auch sicherlich nicht alle Teilnehmer erwachsen! Spätestens ab einer bestimmten Größe muss man wohl auch über Strafandrohungen oder -kataloge diskutieren. Wer für sein Recht kämpft, sich sexistisch, rassistisch oder einfach „nur“ beleidigend äußern zu dürfen, der/die/das wird kaum darauf verzichten, nur weil plötzlich zu Papier gebracht wurde, was eh allen anderen klar war.

Ein wohl durchdachter und abgestimmter (!) Code of Conduct ist definitiv eine gute Idee, selbst in der Frühphase von Kleinstprojekten. Dann weiß jede neue Kontributorin von vornherein, worauf sie sich einlässt – vielleicht die einzige Chance für ein Projekt, überhaupt (langfristig) weibliche Mitwirkende zu gewinnen. Natürlich immer mit der Grundvoraussetzung, die auch jede Compliance-Abteilung in Unternehmen predigt: Commitment, Commitment, Commitment – nur wenn die Projektleitung den Code of Conduct lebt und durchsetzt, kann er funktionieren.

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