Software-Modernisierung, Teil 6 Wann Legacy-Software nicht mehr zu retten ist

Von Christian Rentrop

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Nicht immer ist es möglich oder sinnvoll, Software aufwändig zu modernisieren. Diese Erkenntnis ist aber nicht immer einfach – die Lösung hingegen oft umso mehr.

Irgendwann schlägt für jede Software die Stunde, in der das Unternehmen über Modernisierung oder Ersatz nachdenken muss.
Irgendwann schlägt für jede Software die Stunde, in der das Unternehmen über Modernisierung oder Ersatz nachdenken muss.
(Bild: brentdalling / Unsplash )

Hand aufs Herz. Welches Unternehmen schiebt nicht das Thema Software-Modernisierung vor sich her, scheut Kosten und Ausfallzeiten und wartet deshalb auf den richtigen Zeitpunkt, der nie zu kommen scheint?

Diese Prokrastination beim Thema Software-Modernisierung kann allerdings ebenfalls bares Geld kosten, dann nämlich, wenn die Legacy-Software ineffizient oder unzuverlässig arbeitet, das Anlernen neuer Mitarbeiter viel Zeit und Geld kostet oder sich essenzielle Funktionen nicht mehr nachrüsten lassen.

Kurz: Auch Legacy-Software verursacht im Zweifel erhebliche Kosten, die besser in die Modernisierung investiert werden. Das Problem dabei: Software-Modernisierung ist nicht immer möglich oder sinnvoll – Verantwortliche sollten daher vorab die Alternativen prüfen.

Gründe für eine nicht mögliche Modernisierung

In seltenen Fällen ist eine Software-Modernisierung unmöglich. Etwa dann, wenn diese direkt an bestimmte Hardware geknüpft ist, die ihrerseits nicht ersetzt werden kann. Das kann zum Beispiel Produktionsbetriebe mit relativ alten Maschinen betreffen, deren Software-Steuerung mangels Dokumentation oder Kapazität schlicht keine Modernisierung erlaubt.

Hier ist es sinnvoll, entweder Teile der Software zu ersetzen oder, sofern es die finanziellen Mittel zulassen, gleich die Produktionsmaschinen auf aktuellen Stand zu bringen. Auch andere stark Hardware-gebundene Anwendungen wie Kassensysteme sind möglicherweise nicht mehr modernisierbar – es sei denn, auch die Hardware wird ausgetauscht; und hier ist die notwendige Software dann meist an Bord.

Gründe für eine nicht sinnvolle Modernisierung

Wesentlich häufiger dürfte es vorkommen, dass Softwaremodernisierung schlicht nicht sinnvoll ist. Gründe dafür können zum Beispiel ein schrumpfender Anwendungsbereich der Legacy-Software sein oder die Möglichkeit, das Produkt in Teilen oder vollständig durch ein bereits vorhandenes modernes Produkt ersetzen zu können. Ebenfalls nicht sinnvoll ist eine Modernisierung, wenn das Produkt ohne allzu große Einschränkungen in ein virtuelles System überführt werden und einfach nebenherlaufen kann, während der restliche Softwarebestand ohnehin aktuell gehalten wird.

Zu guter Letzt sind es oft wirtschaftliche Aspekte, die dafür sorgen, dass ein bewährtes Legacy-Produkt ausgemerzt und durch eine Alternative ersetzt wird, statt das vorhandene Produkt zu modernisieren. Hier hilft oft der Boom des Software-Markts in den vergangenen zwei Dekaden. Eine „klassische“ Modernisierung durch Neuentwicklung ist nämlich möglicherweise gar nicht nötig, weil es inzwischen Alternativen gibt.

Legacy-Software kann durch kommerzielle Software ersetzt werden

So gibt es zum Beispiel den Fall, in dem Legacy-Software schlicht und einfach durch eine kommerzielle Standard-Lösung ersetzt werden kann. So manches seinerzeit aufwändig für das Unternehmen produzierte Software-Produkt hat inzwischen mit großer Wahrscheinlichkeit ein Gegenstück, das von einem Software-Hersteller angeboten und vertrieben wird.

Je nach Art und Umfang der Lösung sind möglicherweise auch Anpassungen an die eigenen funktionalen Anforderungen möglich. Statt einer aufwändigen Modernisierung reicht es im Zweifel aus, Lizenzen und Support-Verträge für das neue Produkt zu erwerben und eine Möglichkeit der Datenmigration zu entwickeln. Eine vollständige Neuentwicklung wird dadurch vermieden, was viel Zeit und Geld sparen kann.

Open-Source-Szene im Auge behalten

Neben den kommerziellen Lösungen gibt es nicht selten auch Open-Source-Software, die direkt oder als Basis für eine Neuentwicklung verwendet werden kann. Warum aufwändig Legacy-Datenbanksysteme pflegen oder neu programmieren, wenn es Lösungen wie MySQL oder MariaDB gibt?

Die Open-Source-Szene ist sehr aktiv und es gibt noch für die kleinste Nische interessante Lösungen, die zudem meist sehr aktuell und leistungsfähig sind. Es ist gut möglich, dass ein großer Teil der alten Legacy-Software durch einzelne Produkte oder einen Verbund von Open-Source-Lösungen ersetzt werden kann.

Zudem kann quelloffene Software bei Bedarf fast nach Belieben an die Bedürfnisse im Unternehmen angepasst werden und es fallen keine Lizenzkosten an. Allerdings ist es mit dem Support bei Open-Source-Produkten oft nicht weit her; dafür gibt es Dienstleister, die sowohl die Wartung als auch die Anpassung und den Support kostenpflichtig übernehmen.

Natürlich kann so etwas auch Inhouse etabliert werden. Ein solcher „Wartungsdienst“ ist wichtig, weil Open-Source-Software in manchen Fällen gewisse Qualitätsmängel aufweisen kann oder Projekte plötzlich aufgegeben werden.

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Gibt es eine Cloud-Lösung?

Neben der Suche nach kommerzieller und quelloffener Software gibt es auch noch die Frage nach der cloudbasierten Alternative. Der Vorteil einer solchen Lösung ist, dass in weiten Teilen auf eigene Infrastruktur verzichtet werden kann. Natürlich ist es für Unternehmen nicht einfach, die eigene IT durch eine Cloud-Lösung eines Drittanbieters zu ersetzen. Hier spielen auch Fragen der Zuverlässigkeit, des Datenschutzes und nicht zuletzt der Compliance und Unternehmensgeheimnissen eine große Rolle. Allerdings gibt es viele Cloud-Anbieter, die Antworten auf genau diese Fragen bereithalten.

Der Vorteil einer cloudbasierten Lösung ist sicherlich, dass die möglicherweise anfällige eigene IT-Infrastruktur in weiten Teilen eingespart und durch die zuverlässigen Rechnerfarmen des Cloud-Anbieters ersetzt werden kann. Die Schwierigkeit bei den in aller Regel vorkonfektionierten Cloud-Lösungen ist daher eher, ein für das Unternehmen passendes Angebot zu finden.

Fazit: Software-Modernisierung ist meistens sinnvoll, weil machbar

Schlussendlich dürfte es eher selten vorkommen, dass Software-Modernisierung nicht sinnvoll oder möglich ist. In diesen Fällen handelt es sich entweder um hochspezialisierte – und möglicherweise eng an Legacy-Hardware gebundene – Software. Oder um Systeme, die ohnehin langsam, aber sicher an Relevanz im Unternehmen verlieren.

In allen anderen Fällen ist eine Software-Modernisierung schon deshalb sinnvoll, weil sie mittel- und langfristig nicht nur künftigen Anforderungen gerecht wird, sondern auch im Betrieb Kosten spart. Das Ausweichen auf Alternativen aus dem kommerziellen Bereich, der Open-Source-Szene oder einen Cloud-Dienstleister kann dabei die Kosten der Modernisierung senken und die Effizienz deutlich steigern.

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