Behindertengerechte Anwendungen

Standards für barrierefreie Software

| Autor / Redakteur: Christian Rentrop / Stephan Augsten

Barrierefreiheit sollte auch bei der Software-Entwicklung zumindest angedacht werden.
Barrierefreiheit sollte auch bei der Software-Entwicklung zumindest angedacht werden. (© zlikovec - Fotolia.com)

Neben der klassischen Usability für den Endanwender sollten Anwendungsentwickler auch die Barrierefreiheit ihrer Software im Auge behalten. So können auch Personen mit körperlichen Einschränkungen das Programm nutzen. Doch welche Standards sind zu beachten?

Barrierefreiheit ist ein großes Thema bei der Software-Entwicklung. Sie ist jedoch mehr als nur die Bereitstellung von Optionen, die Usern mit körperlichen Behinderungen die Nutzung der Software ermöglichen. Die Wahl der dazu vorhandenen Hilfsmittel kann vielseitig sein.

Die meisten Betriebssysteme bieten zum Beispiel globale Funktionen für die Unterstützung von Braille-Displays für Blinde, optimierte Darstellung für Menschen mit eingeschränkter Augenleistung. Zudem gibt es spezielle Bildschirmtastaturen, die die Bedienung einer Software für Menschen mit motorischen Einschränkungen erleichtern. Tatsächlich geht die Entwicklung inzwischen so weit, dass selbst motorisch vollumfänglich eingeschränkte User wie etwa der bekannte Physiker Steven Hawking einen PC und das Internet bedienen können.

Barrierefreiheit in der Software-Entwicklung

Doch wie können diese Hilfsmittel in die Software integriert werden? Zunächst sollten sich Entwickler überlegen, ob und in welchem Ausmaß sie überhaupt auf Barrierefreiheit setzen wollen, können oder müssen.

In Deutschland gilt, trotz der Gesetzgebung, wie sie etwa in der „Verordnung zur Schaffung barrierefreier Informationstechnik nach dem Behindertengleichstellungsgesetz (Barrierefreie-Informationstechnik-Verordnung - BITV 2.0)“ festgehalten ist, keine Pflicht zur Barrierefreiheit. Beziehungsweise gilt diese ausschließlich für öffentliche Träger, etwa Ämter und Behörden. Zudem gibt es derzeit keine Vorgaben zur konkreten Umsetzung.

Nichtsdestotrotz ist es sinnvoll, die Barrierefreiheit von Software auch dann zu beachten, wenn privatwirtschaftlich entwickelt wird – nicht nur zwingend dann, wenn der Kunde dies im Lastenheft dediziert aufführt. Denn eine grundsätzliche Konzeption von Barrierefreiheit in der Software kann eine spätere und aufwändige Umarbeitung der Software von vornherein verhindern; etwa dann, wenn der Kunde diese plötzlich doch wünscht oder der Gesetzgeber auf die Idee kommen sollte, sie auch privatwirtschaftlich vorzuschreiben.

Abgesehen davon ist Barrierefreiheit natürlich auch einfach eine freundliche Geste gegenüber körperlich eingeschränkten Personen. Bei frei verkaufter Software kann sie also durchaus einen Kaufanreiz in dieser Kundengruppe bieten.

Barrierefreiheit: Nicht nur für Körperbehinderte

Doch Barrierefreiheit ist mehr als die Entwicklung von Software für Körperbehinderte. Barrieren gibt es überall und bei Symptomen, die nicht als klassische Behinderung gelten. Die Abstufung ist dabei fließend.

Schon Fremdsprachigkeit kann eine Barriere darstellen, ebenso wie fortgeschrittenes Alter. Selbst Banalitäten wie zu kleine oder uneindeutig gefärbte Bedienelemente, die selbst für normalsichtige Personen mit minimalen Sichteinschränkungen – etwa einer Hornhautverkrümmung oder Farbschwäche – können eine Barriere darstellen. Barrierefreiheit sollte dementsprechend grundsätzlich thematisiert werden, wenn es darum geht, Software zu entwickeln.

Standards und Normen der Barrierefreiheit

Doch welche Leitfäden gibt es? Grundsätzlich gilt: Barrierefreiheit darf nicht nur als Programmierung „behindertengerechter“ Software verstanden werden. Für letztere gibt es eine Vielzahl von Normen, darunter die ISO 9241 (Ergonomie der Mensch-System-Interaktion – Teil 171). Diese kann als Richtlinie bei der Umsetzung von Barrierefreiheit gelten und „dient der Verbesserung der Gebrauchstauglichkeit von Systemen für eine möglichst große Anzahl von Benutzern unterschiedlichster Fähigkeiten.“

Web-Entwickler können sich zusätzlich an die Web Content Accessibility Guidelines des W3-Konsortiums halten. Einige Unternehmen wie Apple, Google, IBM, Microsoft oder SAP haben zusätzlich eigene Richtlinien herausgegeben, die jedoch keine offiziellen Standards sind. Allerdings gibt es auch grundsätzliche Regeln, die jeder Entwickler im Hinterkopf behalten sollte, um Software von vornherein – und ganz ohne zusätzliche Standardisierung – möglichst barrierefrei zu gestalten.

Barrierefreiheit einfach einbinden

Der Aufwand dafür ist im Zweifel geringer, als viele Entwickler glauben. Das liegt insbesondere daran, dass alle wichtigen modernen Betriebssysteme – von Windows über Linux und MacOS bis hin zu iOS und Android – globale Funktionen zur Barrierefreiheit anbieten, die der Software-Entwickler nutzen kann.

Darunter sind Funktionen wie die bereits erwähnte Bildschirmtastatur, die Unterstützung für Braille-Displays, kontrastreiche Darstellungen, Bildschirmlupen oder das Vorlesen von Elementen und inzwischen sogar Einsprechen von Befehlen. Feineinstellungen für die Eingabegeräte Maus, Tastatur und Touchscreen sind ebenfalls überall vorhanden.

Kleines Einmaleins der Barrierefreiheit

Entwickler können diese Optionen nutzen, um Software möglichst barrierefrei zu gestalten. Allerdings gibt es einige Kleinigkeiten, die zusätzlich beachtet werden sollten. Die erst im Sommer 2016 eröffnete Bundesfachstelle Barrierefreiheit, die organisatorisch der Deutschen Rentenversicherung untergeordnet ist, gibt dazu eine Reihe praktischer Tipps:

  • Eine Basis-Barrierefreiheit kann recht einfach gewährleistet werden, indem Bedienelemente tabulierbar, sprich per Tabulator-Taste auswählbar sind.
  • Zudem ist eine Skalierbarkeit der Inhalte zu gewährleisten, sprich: Elemente sollten sich möglichst effektiv vergrößern lassen.
  • Desweiteren sind Plattformunabhängigkeit in Sachen Endgerät und Display sinnvoll, um zum Beispiel auch „exotische“ Displays wie Braille-Zeilen jederzeit unterstützen zu können.
  • Auch die Logik der Software muss stimmen. Inhalte sollten hierarchisch angeordnet werden, um Usern den direkten Zugang zur gewünschten Information zu liefern.
  • Zu guter Letzt sollten Grafiken – sowohl im Web, als auch anderswo – mit Alternativtexten versehen werden. Ein Speicher-Button kann zum Beispiel per Tooltip und Alternativtext auch problemlos von sehbehinderten Nutzern verwendet werden.

Durch die Umsetzung dieser relativ niedrigschwelligen Regeln kann bereits eine grundsätzliche Barrierefreiheit eines Programms gewährleistet werden. Der Entwicklungsaufwand lässt sich dabei gering halten, wenn die Software auf den Betriebssystem-seitigen Funktionen zur Barrierefreiheit aufsetzt.

Sind weitere spezielle Umsetzungen von Barrierefreiheit erforderlich, sollten diese genauestens mit dem Kunden abgesprochen werden, da ihre Entwicklung einen nicht unerheblichen Kostenfaktor darstellen kann. Allerdings sollte jeder Entwickler und Entscheider bei der Umsetzung eines Software-Projekts letztlich im Hinterkopf behalten, dass Barrierefreiheit nicht erst bei schweren körperlichen Einschränkungen nötig ist, sondern jeden User betreffen kann.

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