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Softwaremodellierung So wird Modellierung leicht zugänglich

Autor / Redakteur: Tim Weilkiens * / Franz Graser

„Make Modeling accessible“ ist eine von sieben Thesen des Manifests Modeling of Embedded Systems (MDSE), das im vergangenen Jahr formuliert wurde. Was das bedeutet, sagt dieser Beitrag.

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Weg mit den Hindernissen: Zwischen einer Idee und ihrer Umsetzung im Softwaremodell dürfen sich möglichst keine signifikanten Hürden befinden. Sonst verpufft der Vorteil, die Modellierungstechniken bieten.
Weg mit den Hindernissen: Zwischen einer Idee und ihrer Umsetzung im Softwaremodell dürfen sich möglichst keine signifikanten Hürden befinden. Sonst verpufft der Vorteil, die Modellierungstechniken bieten.
(Bild: domeckopol - Pixabay.com / CC0 )

In einer modellorientierten Entwicklungskultur ist das Arbeiten mit einem Modell so alltäglich und gewöhnlich wie das Öffnen des E-Mail-Programms, des Browsers oder das Arbeiten mit Office-Dokumenten – egal, ob Sie längere Arbeiten am Modell planen oder kurz etwas nachsehen möchten oder eine gute Idee notieren wollen. Um diesen Zustand zu erreichen, dürfen keine Hürden im Weg vom Gehirn zum Modell stehen.

Zunächst muss das Modellierungswerkzeug gestartet werden und dafür auf ihrem täglichen Arbeitsgerät verfügbar sein. Zur Verfügbarkeit gehört nicht nur, dass es auf dem Arbeitsgerät installiert ist, sondern auch, dass jederzeit eine Lizenz vorhanden ist.

Zu wenige Lizenzen auf dem Server führen zu so manchen skurrilen Verhaltensweisen, wie beispielsweise die „Handtuchlizenz“: morgens extra früh in das Büro kommen und sich eine Lizenz für den Tag reservieren, bevor man den Tag mit einigen Meetings startet und erst nach dem Mittagessen mit der Arbeit im Modellierungswerkzeug beginnt.

Modellierungswerkzeug und Lizenz sind vorhanden. Jetzt können wir es starten. Das erfordert ein passendes Verhältnis zwischen Modellierungswerkzeug und dem Arbeitsgerät. Der Rechner darf durch das Modellierungswerkzeug nicht in die Knie gezwungen werden. Wer kennt nicht den Gang zur Kaffeeküche, während das Programm startet und der Startbildschirm unzählige Plugins und Komponenten mit kryptischen Namen auflistet, die gerade initialisiert werden.

Das Werkzeug muss in kurzer Zeit bereitstehen

Ärgerlich, dass sich das Modellierungswerkzeug gerade mit einem Architektur-Framework und dem Starten einer Simulationsumgebung abmüht, wo Sie doch nur eben schnell das Design einer Komponente mit der Idee ihres Kollegen, den sie gerade bei der Kaffeemaschine getroffen haben, überprüfen wollen. Kurzum: das Modellierungswerkzeug muss mit wenigen Klicks und in kurzer Zeit zur Verfügung stehen.

Wenn diese Hürde geschafft ist, kann das Modellierungswerkzeug jetzt benutzt werden. Und auch hier darf es keine Hürden aufstellen. Die Anwendungsfälle müssen leicht umgesetzt werden können, ohne sich in den Menü- und Dialogstrukturen des Werkzeugs zu verlieren. Hier ist eine Mischung aus intuitiver Bedienbarkeit des Werkzeugs und effektiver Schulung der Anwender erforderlich.

Kleinigkeiten machen das Arbeiten mitunter zäh

Zur guten Bedienbarkeit des Modellierungswerkzeugs gehört auch das passende Look & Feel. Es sind nämlich oft die Kleinigkeiten, die das Arbeiten zäh machen.

Ein Szenario, das wohl viele kennen: Am Arbeitsplatz funktioniert das Werkzeug prima. Jetzt steht aber ein Workshop an, um Ergebnisse mit Kollegen zu teilen. Beamer angeschlossen, der Bildschirm blinkt ein paar Mal und es wurde auf eine beamerverträgliche kleine Auflösung umgeschaltet.

Jetzt ist nicht nur die Fläche für das Modellierungswerkzeug zu klein; es ergeben sich auch Probleme wie Menüs, die außerhalb des sichtbaren Bereichs weitergehen oder Untermenüs von Untermenüs, die auch nicht mehr erreichbar sind. Jetzt sitzen die Kollegen gemeinsam im Raum und befassen sich mit den Darstellungsproblemen. Das ist teuer und ärgerlich und trägt nicht dazu bei, dass Modellierung erfolgreich genutzt werden kann.

Nehmen wir an, dass die technischen Hürden vom Gehirn zum Modell alle aus dem Weg geräumt sind. Es stehen dann immer noch ein paar potenzielle Hürden im Weg. Auch organisatorisch muss das Modell in die Entwicklungsprozesse und die Werkzeuglandschaft integriert sein und kein Inseldasein führen.

Das Modell muss eine wichtige Rolle im Entwicklungsprozess spielen und darf nicht etwas sein, was die Entwickler so nebenbei mitlaufen lassen. Dabei ist es egal, ob es ein Wasserfall- oder agiler Prozess ist. In beiden Welten hat Modellierung ihren Platz. Das Modell kann und sollte der Master für wichtige Informationen des Entwicklungsprozesses sein.

Eine weitere Hürde steht noch: die Einbettung in die Werkzeuglandschaft. Typischerweise werden in einem Entwicklungsprojekt eine Vielzahl diverser Tools eingesetzt. Das fängt bei Office-Programmen an und geht bis zu den Modellierungswerkzeugen aller Art (SysML, UML, Modelica, Matlab, …), Compilern und Testwerkzeugen. Es ist wichtig, die Informationsschnittstellen vom Modellierungswerkzeug zu anderen Tools zu kennen und die folgenden Fragen zu beantworten:

  • Welche Informationen sind, außer im Modell, noch redundant in anderen Systemen gespeichert?
  • Welche Informationen werden als Eingabe für das Modell benötigt?
  • Welche Informationen aus dem Modell werden in anderen Werkzeugen benötigt?
  • Welche Traceability-Pfade müssen verwaltet werden?

Aus den Antworten können Sie eine Strategie ableiten, welche Schnittstellen benötigt werden, welche manuell gepflegt werden und für welche es sich lohnt, eine automatisierte Schnittstelle zu implementieren.

Jetzt ist der Weg fast frei. Das Wichtigste haben wir aber vergessen: den Menschen. Der Mensch muss nicht nur das Modellierungswerkzeug leicht bedienen können. Er muss auch über ausreichend Wissen und Erfahrung verfügen. Die Modellierungssprache muss bekannt sein (Wissen), und auch die Handwerkskunst des Modellierens muss beherrscht werden (Erfahrung). Aber jetzt ist es geschafft: der Weg ist frei. Die Modellierung ist bei Ihnen leicht zugänglich.

Das sind mitunter recht kräftige Hürden, die nicht ohne Weiteres aus dem Weg geräumt werden können. Das darf Sie nicht davon abhalten, mit der Modellierung zu starten. Wenn Sie die Hürden kennen, wissen Sie, wo Sie Schwung verlieren, und können diese Punkte gezielt adressieren. Der hürdenfreie Weg ist ein Zielbild, an dem Sie kontinuierlich arbeiten müssen.

Dieser Beitrag ist ursprünglich auf unserem Schwesterportal Elektronikpraxis.de erschienen.

* Tim Weilkiens ist Berater und Vorstand des Beratungshauses oose. Er befasst sich mit Entwicklungsmethoden und Modellierung.

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