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Interview mit Mike Morris, CEO von Topcoder „Quanten-Computing ist wie eine Art Informatik-Kurs“

| Redakteur: Stephan Augsten

Wie sieht die Zukunft der Software-Entwicklung im Unternehmen aus? Befinden wir uns bereits mitten in der Quantenrevolution? Und ist Freelancing eher Berufung denn Beruf? Mike Morris, CEO der Crowdsourcing-Plattform Topcoder, sprach hierzu im Interview mit Dev-Insider.

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Mike Morris: „Wir wollen das Amazon unter den Crowdsourcing-Plattformen werden.“
Mike Morris: „Wir wollen das Amazon unter den Crowdsourcing-Plattformen werden.“
(Bild: iamJayGoldz.com)

Dev-Insider: Herr Morris, vor einigen Jahren haben Sie in einem Interview einmal behauptet, einige der besten Technologie-Talente wären bei Topcoder anzutreffen. Trifft das immer noch zu?

Mike Morris: Ohne Zweifel. In Bereichen wie Data Science und Algorithmen, aber auch bei der Softwareentwicklung haben wir einige der intelligentesten Köpfe versammelt. Als wir Topcoder starteten, gingen wir erstmal ganz optimistisch davon aus, dass Entwickler eine solche Plattform annehmen würden.

Wie viele genau und aus welchen Ländern wussten wir damals natürlich noch nicht. Bereits im ersten Jahr wuchs die Community auf mehr als 40.000 Entwickler in 40 Ländern. Als wir dann auch noch feststellten, dass sich unsere besten Entwickler auch von anderen Events wie Mathematik-Olympiaden oder renommierten Coding-Events her kannten, wussten wir: Wir haben die besten Leute der weltweiten Community an Bord.

Dev-Insider: Eine gute Voraussetzung, um sich mit komplexen Sachverhalten auseinanderzusetzen. Aktuell ist Quanten-Computing eines der spannendsten Themen in der Informatik. In den letzten 20 Jahren war das mehr eine fixe Idee von Wissenschaftlern, aber mittlerweile investieren Google, IBM, Microsoft, die EU und China, Geheimdienste und sogar Volkswagen in die mysteriöse Technologie. Woran liegt das?

Mike Morris: Ganz einfach: Weil man damit Dinge millionenfach schneller erledigen kann als mit herkömmlichen Silizium-basierten Rechnern. Was bei einem traditionellen Computer ein Bit ist, ist beim Quanten-Computer ein QBit. Und damit kann ich Dinge nicht nur millionenfach schneller, sondern auch eine Million Dinge gleichzeitig erledigen. Im Kern geht es darum, komplexe Probleme schneller zu lösen, als es bislang möglich war. Es gibt aber auch eine ganze Reihe von Gründen, wieso das so verdammt schwierig ist, beispielsweise der horrende Energieverbrauch.

Dev-Insider: In den meisten Veröffentlichungen steht die Hardware im Vordergrund. Google, IBM und andere investieren viel in die Forschung und haben lauffähige Modelle, aktuell mit geringer Kapazität. In produktiven Umgebungen sind Quanten-Computer noch nicht im Einsatz, weil sie noch nicht ausgereift sind. Für eine Crowdsourcing-Plattform wie Topcoder ist sicher die Software-Entwicklung der interessanteste Part. Was können Ihre Entwickler für eine Plattform tun, die es noch gar nicht gibt?

Mike Morris: Ich antworte einmal mit einer Analogie: Früher haben wir mit einem Schallplattenspieler Musik gehört. Dann wurde die Musik digitalisiert und der CD-Spieler kam. Zu Beginn lag der Fokus auf der Geräteentwicklung, aber erst die produzierten CDs, also quasi die Software, haben einen Mehrwert gebracht.

Die Analogie passt auch in anderer Hinsicht hervorragend: Sie können eine Schallplatte nicht in einem CD-Player abspielen und eine CD nicht auf einem Plattenspieler. So ist es auch mit Quanten-Computern. Existierende Software auf einem Quanten-Computer laufen zu lassen, würde nicht funktionieren und auch keinen Sinn ergeben. Wie die neue Software aussehen kann, daran arbeiten wir bereits heute. In viel kleinerem Maßstab haben wir so eine Situation je bereits schon einmal gehabt.

Dev-Insider: Worauf spielen Sie an?

Mike Morris: Auf den Übergang von Single- auf Multi-Core-Prozessoren! Wir mussten damals feststellen, dass die meiste Software nicht für Multi-Core programmiert war und deshalb auf den schnelleren Prozessoren kein bisschen schneller lief. Erst wenn die Software so modifiziert wurde, dass mehrere Threads laufen konnten, beobachteten wir einen Performance-Sprung.

Dies wurde dann Mainstream. Aber wenn das ein Schritt von 1 auf 2 war, ist der Schritt beim Quanten-Computing von 1 auf 1 Million. Der Unterschied ist gewaltig, aber es muss unglaublich viel Software neu geschrieben werden, um die Server der Zukunft auch auszureizen.

Dev-Insider: Sie wollen Ihre Plattform also bereits für Entwickler attraktiv machen, die sich mit Quanten-Computing beschäftigen, um sich damit eine besonders gute Ausgangsposition zu verschaffen?

Mike Morris: Korrekt. Wir betrachten Quanten-Computing wie eine Art Informatik-Kurs. Auf dem ersten Level vermitteln wir das Basiswissen: Wie programmiert man ein einfaches Programm für Quanten-Computer? Wie stellt man eine einfache Berechnung an? Und wie eine komplexere Kalkulation? Und dann bauen wir auf diesen Basiskursen auf.

Das Coole daran: Genauso funktioniert die Community schon immer – es gibt nicht eine dominante Person für alle Bereiche, sondern in jeder Disziplin ein paar Leute auf Top-Level. Aktuell wissen wir noch nicht, welchen Hintergrund die zukünftigen Top-Experten für Quanten-Computer haben werden: Klassische Informatiker? Reine Mathematiker? Wissenschaftler aus anderen Fachbereichen? Es wird spannend zu beobachten sein, wie sich hier neue Talente sammeln werden.

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