Interview mit Mike Beckley, CTO Appian

Programmierer und Low-Code – passt das zusammen?

| Redakteur: Stephan Augsten

Mike Beckley: „Low-Code-Plattformen automatisieren eine Vielzahl von Routine-Programmieraufgaben.“
Mike Beckley: „Low-Code-Plattformen automatisieren eine Vielzahl von Routine-Programmieraufgaben.“ (Bild: Alexas_Fotos - Pixabay.com / Appian / CC0)

Low-Code-Plattformen schicken sich an, routinemäßige Aufgaben bei der App- und Software-Entwicklung zu übernehmen. Gönnt man Anwendungsentwicklern den Spaß des Codens nicht? Kann der Ansatz dem Fachkräftemangel entgegenwirken? Dev-Insider hat hierzu den Appian-CTO Mike Beckley befragt.

Dev-Insider: Herr Beckley, Low-Code-Plattformen sollen es ermöglichen, Software und Apps auch ohne große Programmierkenntnisse zu erstellen. Warum sollte ein Entwickler, dessen Kernkompetenz das Programmieren selbst ist, diese Art der Software-Erstellung und -Pflege nutzen?

Mike Beckley: Low-Code Plattformen automatisieren eine Vielzahl von Routine-Programmierungsaufgaben. Damit müssen Entwickler nicht immer wieder die gleichen Formulare, Entscheidungstabellen, Geschäftsregeln und Berichte programmieren, die sie bereits seit Jahrzehnten coden. Das ermöglicht eine neue Generation von Enterprise-Applikationen, um die Arbeit intelligent zu automatisieren und zu orchestrieren. Das Unternehmen kann sich darauf konzentrieren, Kunden in der Cloud, am Telefon und über Milliarden von IoT-Geräten zu betreuen.

Entwickler wollen natürlich nie „nein“ zu Business-Anwendern sagen, aber der bestehende Fachkräftemangel wird sich künftig aufgrund der digitalen Transformation weiter verschärfen. Low-Code Plattformen sind daher auf dem besten Weg, die Standardwahl für neue Software-Projekte zu werden. Diese Systeme sind deutlich schneller und flexibler als rein proprietäre Entwicklungen.

Dank visueller Design-Umgebungen können Entwickler mehr Arbeit an Business-Analysten delegieren, behalten aber die Kontrolle darüber. Entsprechend sind Entwickler, die sich für Low-Code Plattformen entscheiden, in der Lage, mehr Zeit damit zu verbringen, neue Technologien zu programmieren. So sind sie produktiver und erhalten ein höheres Gehalt als andere Entwickler.

Dev-Insider: Ein Vorteil, Entwickler selbst zu beschäftigen oder ihre Dienste in Anspruch zu nehmen, ist die „maßgeschneiderte“ Reaktion auf Neuanforderungen oder Sicherheitsprobleme. Ist Low Code Development hier ebenbürtig?

Mike Beckley: Jede Appian-Applikation ist vom Kunden auf seine speziellen Geschäftsanforderungen exakt abgestimmt. Damit erhalten sie maßgeschneiderte Software ohne die Kosten, Risiken und zeitlichen Verzögerungen einer benutzerdefinierten Codierung. Die Leistung und Flexibilität unserer Prozess-Engine kann traditionelle Entwicklung nicht liefern.

Low-Code-basierte Applikationen werden darüber hinaus mit wiederverwendbaren Komponenten auf einer gemeinsamen Plattform entwickelt. Das heißt, dass häufige Security-Updates automatisch und konsistent durchgeführt werden können. Lässt sich das Gleiche von manuell programmierten Apps behaupten? Gute Low-Code-Plattformen bieten auch eine Integration bestehender Apps mit maßgeschneidertem Code und vereinen damit das Beste beider Welten.

Dev-Insider: Nun kann es ja passieren, dass ein Kunde ein Feature benötigt, an das vorher überhaupt nicht gedacht wurde und das sich nicht so einfach realisieren lässt. Wie schnell könnte Appian auf spezielle Wünsche reagieren?

Mike Beckley: Wir fügen kontinuierlich leistungsfähige neue Funktionen zu unserer Plattform hinzu und erhalten auch viele Anfragen aus unserer aktiven User Community. Momentan aktualisieren wir unsere Plattform viermal pro Jahr. Appian einzusetzen heißt aber nicht, dass sich Unternehmen exklusiv für all ihre Feature-Anfragen auf uns verlassen müssen. Der zugehörige App Market bietet Hunderte von Modulen und Lösungen, die von der Community entwickelt und geteilt wurden.

Die Plattform ist so angelegt, dass sie sich dank ihrer Integrationsmaschine erweitern lässt. Externe APIs, Microservices und Algorithmen lassen sich schnell direkt in die Apps integrieren. Falls notwendig, können maßgeschneiderte Module und Aktivitäten über eine sichere Plug-in Architektur von Appian hinzugefügt werden. Die Update-Möglichkeit der gesamten Plattform bleibt dabei erhalten.

Dev-Insider: Für welche Unternehmen eignet sich der Low-Code-Ansatz besonders? Oder andersherum gefragt: Welche Branchen kommen nach wie vor nicht ohne Software-Entwickler und Datenbankexperten aus?

Mike Beckley: Wir sagen weder, dass keine Software-Entwickler mehr benötigt werden, noch haben wir den Anspruch, Code komplett überflüssig zu machen. Aber mit dem Low-Code-Ansatz sind Unternehmen nicht mehr dazu gezwungen, 80 Prozent ihrer Ressourcen in die Wartung und nur 20 Prozent in neue Entwicklungen zu investieren.

Ein Unternehmen muss hunderte abhängiger Business-Objekte aktualisieren, wenn sich ein Datenbank-Schema ändert? Apple und Google bringen neue iOS- und Android-Versionen und es gilt, Dutzende von Apps anzupassen und neu zu testen? Man will für jeden Java-Fix die Entwicklungs-, Test- und Produktionsumgebungen patchen, updaten und validieren? All das lässt sich dank Low- realisieren.

Jedes Unternehmen mit komplexen Geschäftsprozessen und dem Bedürfnis, seine Marke über digitale Produkte und Dienste sowie den Kundenservice vom Wettbewerb zu unterscheiden, sollte ernsthaft über die Einführung einer Low-Code Plattform nachdenken.

Dev-Insider: Appian hat einige große Kreditinstitute als Kunden. Mit Blick auf den Finanzsektor ist es in Deutschland aber traditionell so, dass die „volksnahen“ Banken die Dienste von Rechenzentren und deren Entwicklern beanspruchen. Sehen Sie im deutschen Markt überhaupt Potenzial?

Mike Beckley: Deutsche Banken haben die gleichen Anforderungen wie ihre Marktbegleiter weltweit: Sie sollen eine wachsende Zahl an Regularien erfüllen, mit Blick auf die Kunden für Datenschutz und Datensicherheit sorgen und zugleich wettbewerbsfähig bleiben. Darüber hinaus müssen sie die digitale Transformation innerhalb bestehender Budgetbeschränkungen für die Entwicklung und Implementierung neuer Applikationen meistern.

Viele von ihnen vertrauen noch auf Legacy-Anwendungen, was ihre Arbeit erschwert. Low-Code ist ein einfacher Weg, maßgeschneiderte Applikationen zu entwickeln und die Anzahl der Prozesse insgesamt zu reduzieren. Banken, darunter auch die deutschen, haben dies erkannt.

Dev-Insider: Noch ein kurzer Ausflug in Richtung digitale Transformation: Künstliche Intelligenz, das Internet der Dinge und Big Data sind Zukunftstechnologien, die schon fleißig vorangetrieben werden, deren Potenzial aber noch bei Weitem nicht ausgeschöpft ist. Wie kann Low Code dabei helfen, Kapital aus diesen Entwicklungen zu schlagen?

Mike Beckley: Low-Code Plattformen nutzen Technologien der nächsten Generation. Sie ermöglichen es Low-Code Plattformen Entwicklern, bestehende Anwendungselemente weiter zu nutzen und sich nur auf neue Komponenten fokussieren zu müssen.

Deep Learning schlägt Schachmeister-Programme, aber warum das Schachbrett und die Bauern neu bauen, um dies zu beweisen? Die Blockchain kann Lieferketten und staatliche Aufsichtsbehörden sicher vernetzen, aber es ist kein neuer Formulardesigner oder eine neue Prozess-Engine notwendig, um den Hyper Ledger zu lesen oder weitere Einträge zu schreiben. Egal, ob ein umfangreiches Anwendungsportfolio kontinuierlich verbessert werden soll oder Entwickler nur eine einzige neue Technologie testen möchten: Low-Code Plattformen sind ein großartiger Ausgangspunkt.´

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