Citizen Developer und Low Code, Teil 1

Programmieren auf dem kleinen Dienstweg

| Autor / Redakteur: Christian Rentrop / Stephan Augsten

Wenn sich Mitarbeiter mit der Erstellung von Lösungen für ihre Abteilung befassen, sollte maximale Kreativität ermöglicht werden.
Wenn sich Mitarbeiter mit der Erstellung von Lösungen für ihre Abteilung befassen, sollte maximale Kreativität ermöglicht werden. (Bild: mohamed_hasan - Pixabay.com / Pixabay)

Der Begriff des „Citizen Developer“ bezeichnet Laienentwickler. Gemeint sind Anwender, die Software mit Hilfe von Low Code entwickeln, aber eigentlich keinen Dev-Hintergrund haben. Das hat einige entscheidende Vorteile – benötigt aber an andere Stelle Kontrollinstanzen.

Low-Code-Entwicklung ermöglicht auch Anwendern ohne Entwickler-Ausbildung, Software zu schreiben. Daraus resultiert der Begriff des Citizen Developer, der genau solche Anwender in Fachabteilungen bezeichnet: Mitarbeiter, die eigentlich Anwender sind, aber dank Low-Code-Plattform einfache Anwendungen entwickeln können, um dem Unternehmen oder ihrer Abteilung bei der Lösung von Problemen zu helfen.

Ein neuer Ansatz ist das nicht. Schon lange vor Low Code gab es in Unternehmen Mitarbeiter, die man als Citizen Developer hätte bezeichnen können: Der Logistik-Leiter, der sich kleine Excel-Makros schreibt, oder der Compliance-Mitarbeiter, der kleine Apps für das Unternehmen programmiert, die er seinen Kollegen zur Verfügung stellt, sind und waren streng genommen schon immer auch Citizen Developer.

Der Gedanke dahinter ist immer, Alltagsaufgaben schneller zu bewältigen, deren Realisierung auf dem Umweg der IT-Abteilung eine Ewigkeit dauern würden. Low-Code-Plattformen ermöglichen eine deutlich effektivere Erstellung und Verwendung dieser „kleinen“ Softwarelösungen.

Was leisten Citizen Developer?

In Zeiten, in denen Software in allen Bereichen immer wichtiger wird, ist der Citizen Developer ein „inoffizielles“ Mitglied der Entwicklerriege. Die Gesamtheit dieser Laienentwickler fällt in den Bereich der sogenannten „Schatten-IT“ („Shadow IT“). Sie besteht aus Mitarbeitern, die zwar im Unternehmen Software-Lösungen entwickeln, jedoch eigentlich für einen anderen Bereich zuständig sind.

Dabei spielt es gar keine Rolle, ob der Mitarbeiter eine saubere oder optisch ansprechende Software entwickelt; vielmehr geht es darum, dass sie ohne offiziellen Auftrag durch reine Motivation funktionale Anwendungen für ihre Aufgaben oder Fachabteilungen erstellen. Diese wiederum können bei der Prozessoptimierung oder der Abwicklung der Alltagsaufgaben hilfreich sein.

Spieltrieb erhalten und fördern

Wichtig ist dabei, dass der Spieltrieb erhalten bleibt, Druck von oben sollte also nicht stattfinden. Vielmehr sollte der Mitarbeiter als Citizen Developer eine gewisse Freude am Entwickeln haben und für seine Lösung, sofern sie denn hilfreich ist, auch positives Feedback erhalten.

Im Interesse jeder Geschäftsleitung sollte es daher liegen, eine Kultur des Citizen-Developments zu fördern und Mitarbeiter zu motivieren, eigene Lösungen für abteilungsinterne Problemstellungen zu entwickeln. Anders als bei der „offiziellen“ IT geht es auch nicht darum, Lösungen für den offiziellen Gebrauch herzustellen: Die entwickelten Tools sollten vor allem dem Mitarbeiter oder seiner Fachabteilung helfen.

Zentrale Verwaltung auf der Low-Code-Plattform

Genau an dieser Stelle kommen No-Code- und Low-Code-Plattformen ins Spiel: Ihre üblicherweise einfache Bedienung fördert einerseits (nach Schulung) den Spieltrieb der Mitarbeiter und forciert gleichzeitig ein „Um-die-Ecke-Denken“ auf dem kleinen Dienstweg. So entstehen Lösungen, die auf dem offiziellen Dienstweg vermutlich nie entstehen würden.

Gleichzeitig bieten Plattformen ohne Code-Aufwand aber noch einen weiteren wichtigen Vorteil: Sie dienen dem Citizen-Developer als zentrale Anlaufstelle und verhindern, dass möglicherweise nützliche und effiziente Lösungen verloren gehen.

Das klassische Excel-Makro, das nur von einem Mitarbeiter entwickelt und verwendet wurde, hat nämlich einen großen Nachteil: Bei Personalwechsel oder mangelnder Kommunikation innerhalb der Fachabteilung gehen solche Anwendungen oft verloren, obwohl sie möglicherweise für das Unternehmen als Ganzes hilfreich hätten sein können.

Citizen Developer: Ideengeber für offizielle Lösungen

Genau deshalb ist es aber umso wichtiger, dass die Mitarbeiter der „Schatten-IT“ nicht mit dem offiziellen IT-Bereich konkurrieren: Dieser ist nach wie vor dafür verantwortlich, vollständige und offizielle Lösungen zu entwickeln, die zum Beispiel unternehmensweit eingesetzt werden können und Teil des Softwarepakets im Unternehmen oder für den Kunden sind. Stattdessen kann der Citizen-Developer im Rahmen einer zentralen Sammlung auf einer Low-Code-Plattform der „echten“ IT als Ideengeber zuarbeiten.

Von Citizen Developern im Unternehmen entwickelte Software, die sich in der einen Abteilung bewährt, kann möglicherweise auch anderen Abteilungen helfen oder sogar offizielle IT-Lösungen anstoßen. Wichtig dabei ist, dass das Development der „Schattensoftware“ einfach nur organisch stattfinden sollte, ohne die in ihrer Freizeit oder nebenher entwickelnden Mitarbeiter vom Tagesgeschäft abzuhalten.

Qualitätskontrolle etablieren

Bei allen Vorteilen stellen Mitarbeiter als Citizen Developer natürlich auch gewisse Herausforderungen dar: So sind gerade mit Low-Code entwickelnde Mitarbeiter, die nur wenig IT-Hintergrund haben, oft unnötig umständlich in der Entwicklung ihrer Lösung. Zudem stellt sich natürlich die Frage der Nutzerrechte: Wer darf was auf der Plattform und welche Möglichkeiten hat der Citizen Developer überhaupt?

Darüber hinaus gilt es natürlich, Sicherheitsaspekte und nicht zuletzt den Ansprechpartner zu überwachen. Außerdem dürfte bei vielen von der „Schatten-IT“ erstellten Anwendungen in aller Regel eine hinreichende Dokumentation fehlen, was die spätere Nachbearbeitung, Aktualisierung, Erweiterung oder Konvertierung unnötig komplex gestalten kann.

Nicht schon im Ansatz abwürgen

Leider ist der Ansatz, entwickelnde Mitarbeiter zum Dokumentieren und Einhalten umständlicher Compliance anzuhalten, kontraintuitiv und dürfte so manchen Mitarbeiter davon abhalten, sich überhaupt auf einer Low-Code-Plattform zu befassen. Das würgt schlimmstenfalls vorhandenes Potenzial ab, bevor es entsteht. Wird der Einsatz der Low-Code-Umgebung von vornherein zu komplex gestaltet, könnte die Investition erfolglos bleiben.

Von daher ist es sinnvoll, Testing- und Freigabemechanismen zu etablieren, die die Citizen-Software jenseits der Abteilung, in der sie verwendet wird, im Auge behält und gegebenenfalls als Ideengeber, helfende Hand oder sogar mit einem Belohnungssystem eingreift. Das kann helfen, Mitarbeiter zur Entwicklung eigener Lösungen zu motivieren und gleichzeitig dafür zu sorgen, dass das Unternehmen maximal von seinen sich als Citizen Developer betätigenden Mitarbeitern profitiert.

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