Automotive-Prognosen der Eclipse Foundation Open Source in der Automobilindustrie

Ein Gastkommentar von Michael Plagge *

Kaum eine Branche durchläuft derzeit einen derart tiefgreifenden Wandel wie die Automobilindustrie. Welche Rolle die Open Source Community dabei spielen dürfte, versucht die Eclipse Foundation vorherzusagen.

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Aus dem Open-Source-Gedanken entstehende Innovatioenn könnten den Automotive-Bereich nachhaltig prägen.
Aus dem Open-Source-Gedanken entstehende Innovatioenn könnten den Automotive-Bereich nachhaltig prägen.
(Bild: geralt / Pixabay )

Vorhersage 1: Catena-X wird eine echte Chance haben.

Die „offene Zusammenarbeit“ unter einem Dach wie dem von Catena-X hat das Potenzial, die Art und Weise zu revolutionieren, wie Unternehmen zusammenarbeiten und trotzdem miteinander wetteifern, wenn es um nicht-differenzierende, nicht-konkurrierende Funktionen geht.

Als europäische Allianz für den Datenaustausch in der Automobilindustrie versteht sich Catena-X als ein Ökosystem, zu dem die gesamte automobile Wertschöpfungskette – Automobilhersteller und -zulieferer, Händler und Ausrüster sowie die Anbieter von Anwendungen, Plattformen und Infrastruktur – beitragen können. Catena-X entfaltet sich vor allem auf vertraglicher Ebene und wird sich positiv auf die Lieferketten auswirken, indem sie diese viel effizienter macht.

Politische Faktoren spielen eine große Rolle in der Automobilbranche spielen. Die Initiative hat dennoch gute Chancen auf Erfolg, zumal sich alle Beteiligten – von den Automobilherstellern über die OEMs bis hin zu den Zulieferern – sehr für dieses Projekt engagieren. Sie scheinen verstanden zu haben, dass die Zusammenarbeit bei nicht-differenzierenden Merkmalen mehr Wettbewerbsfähigkeit bei den differenzierenden Merkmalen ermöglicht.

In einer Welt des globalen Wettbewerbs ist der Leidensdruck groß, dementsprechend groß ist auch die Motivation für eine Zusammenarbeit. Dabei ist es vielversprechend, dass auch Organisationen, die nicht unbedingt als Automobilunternehmen angesehen werden, zu Catena-X gehören. Für die Eclipse Foundation ist dies ein klares Zeichen dafür, dass das System, wenn es erst einmal läuft, auch auf andere Bereiche angewendet werden könnte, in denen es um die Nachverfolgung von Lieferketten geht – beispielsweise in der Bekleidungs- oder Pharmaindustrie.

Kein Wunder also, dass Unternehmen selbst in diesen schwierigen Zeiten beträchtliche Investitionen tätigen. Mit Hunderten von Entwicklern sowie Finanzmitteln von Unternehmen und der öffentlichen Hand wird es der Eclipse Foundation möglich sein, die historisch gewachsenen, fehleranfälligen Methoden der manuellen Datenübernahme von einem System in ein anderes abzuschaffen, die die Branche bisher gebremst haben.

Obwohl die Komplexität der Automobilindustrie und ihre traditionelle Wettbewerbsfähigkeit dem Erfolg von Catena-X im Wege stehen könnten, hält die Eclipse Foundation diesen Ansatz dennoch für den richtigen. Die Zeit ist reif, und die Verantwortlichen scheinen bereit zu sein, ihm eine Chance zu geben.

Vorhersage 2: Zusammenarbeit und Wettbewerb werden sich signifikant verändern.

Heutzutage ist ein Auto viel mehr als nur ein Auto. Es bietet Unterhaltung, Informationen und Arbeitsumgebung zugleich. Es wird zu einer Benutzerschnittstelle ebenso wie zu einem Mittel, um von A nach B zu kommen. Daher besteht ein wachsender Bedarf an Zusammenarbeit zwischen Big Tech und der Automobilindustrie.

Der Ansatz, an den sich die Automobilindustrie so sehr gewöhnt hat, wird sich ändern; denn es sind nicht mehr unbedingt die Autohersteller, die die Autos verkaufen werden. Sie stehen nicht mehr an der Spitze der Pyramide. An die Stelle der Automobilhersteller könnten bald Software- und Plattformunternehmen treten, die eine Fahrzeugflotte betreiben – und außerdem Zugang zum Endkunden haben. Die Autohersteller würden dann nur Autos produzieren und beim Endkunden zukünftig keine Sichtbarkeit mehr haben.

Um zunehmend Größe und Relevanz zu erreichen, ist es daher unerlässlich, eine gemeinsame Plattform aufzubauen, die andere Branchen integriert – und das nicht nur aus technologischen Gründen, sondern vor allem auch vor dem Hintergrund knapper Personalressourcen. So sollten stark nachgefragte Softwareentwickler nicht mit der Entwicklung von nicht-differenzierenden Merkmalen beschäftigt werden, sondern sich darauf konzentrieren, was im Wettbewerb vor dem Endkunden den Unterschied ausmacht.

Als Open-Source-Organisation mit vielen Projekten, die die Zukunft der Automobilindustrie definieren werden, sehen wir eine große Chance in diesem neuen softwarebasierten Ansatz und dem neuen Modell der Zusammenarbeit – nicht nur, weil dieser von einflussreichen Parteien in der Automobilindustrie stark unterstützt wird, sondern auch, weil er aus unserer Sicht der einzige Weg nach vorne ist.

Vorhersage 3: Open Source allein ist nicht der Königsweg zum autonomen Fahren.

Die Entwicklung rund um das autonome Fahren ist sicherlich ein wichtiger Schritt in Richtung Zukunft der Mobilität. Die wahre Stärke von Open Source für die Automobilindustrie liegt jedoch in anderen Bereichen: So implementiert beispielsweise die OpenADx-Arbeitsgruppe der Eclipse Foundation Schnittstellen zwischen Entwicklungsschritten.

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Die Entwicklungen im Bereich des autonomen Fahrens sind derzeit noch fragmentiert und die Toolchain wird häufig von Start-ups vorangetrieben, die auf die Vermarktung und den Verkauf proprietärer Lösungen angewiesen sind; eine enorme Hürde für die Automobilhersteller, wenn es darum geht, einen wiederverwendbaren, nachhaltigen Ansatz zur Entwicklung autonomer Fahrfunktionen zu finden.

Angesichts dieser Fragmentierung könnte der Open-Source-Ansatz daher bestehende Technologien kompatibler machen. Betriebsverantwortliche wären in der Lage, die besten Komponenten auszuwählen und sie bei Bedarf auszutauschen. Zur Überwindung dieser Komplexität können Open-Source-Kooperationskonsortien wie die OpenADX-Arbeitsgruppe der Branche wertvolle Anregungen geben. Stand heute wird dies zwar den Druck verringern, es löst jedoch nicht die komplexen Fragestellungen, die der Realität des autonomen Fahrens im Weg stehen.

Zusammenfassend kann man sagen, dass die Eclipse Foundation das Potenzial für Open Source in der Automobilindustrie im Jahr 2022 als signifikant groß einschätzt. Zusätzlich zu den oben genannten Prognosen sieht sie weitere Entwicklungsmöglichkeiten in den folgenden drei Bereichen:

Bezüglich Fahrzeugsoftware und Back-End hält die Eclipse Foundation ihre Initiativen rund um das softwaredefinierte Fahrzeug für echte „Game Changer“. In der Produktion ist sie stark an Projekten rund um digitale Zwillinge und viele weitere Schlüsseltechnologien beteiligt.

Michael Plagge
Michael Plagge
(Bild: Eclipse Foundation)

Der dritte Bereich, in dem Open-Source-Technologien das Potenzial haben, die Automobilindustrie langfristig zu verändern, betrifft die Nutzung von „general purpose“ – also nicht automobilspezifischer – IT. Und genau darum geht es bei Catena-X.

* Michael Plagge ist seit Januar 2021 bei der Eclipse Foundation als Director Ecosystem Development tätig. Er ist verantwortlich für die Pflege und das Wachstum des Eclipse-Ökosystems mit besonderem Fokus auf die DACH-Region. Er kam zur Eclipse Foundation nach vier Jahren in verschiedenen Positionen bei der Alibaba Group. Von 2013 bis 2016 war er General Manager Elektrobit Automotive (Shanghai) Ltd.

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