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In der Ruhe liegt die Kraft Mit Zen-Coding zu besserer Software

| Autor / Redakteur: Christian Rentrop / Stephan Augsten

Programm- und Website-Code sollte möglichst einfach und aufgeräumt sein. Bei der Erstellung hilft die Idee des Zen-Codings: Es geht darum, möglichst simplen und effizienten Code zu schreiben, um sich voll und ganz auf die Aufgabe zu konzentrieren – und damit für Ruhe und Ordnung bei der Arbeit zu sorgen.

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Zen-Coding soll dabei helfen, sich beim Programmieren auf das Wesentliche zu konzentrieren.
Zen-Coding soll dabei helfen, sich beim Programmieren auf das Wesentliche zu konzentrieren.
(Bild: simonmigaj / Unsplash)

Der Begriff „Zen“ läuft einem aktuell häufig über den Weg. Egal ob es sich um Apples Designphilosophie handelt, um Business-Alltag, um eine Wohnungseinrichtung oder um private Meditation. Der Begriff – der heutzutage im Sprachgebrauch weitestgehend synonym mit „innerer Ruhe“ oder „Achtsamkeit“ ist – geht auf den fernöstlichen Zen-Buddhismus zurück. Dessen Lehre befasst sich mit der Konzentration auf das Wesentliche des Moments bis hin zur Selbstaufgabe.

Programmierer mögen das theoretisch kennen. In der Praxis sorgen zahllose Ablenkungen, Nebenprojekte und Code-Schnipsel für Störungen und Unruhe – und in der Folge zu unnötig komplexen Ergebnissen. Genau hier setzt die Idee des Zen-Codings an: Der Prozess des Codings und der Code sollten möglichst ruhig und geradlinig erfolgen, um ein optimales Ergebnis zu erzielen.

Zen-Coding als Entwickler-Plug-in

Allerdings ist der Begriff Zen-Coding noch nicht eindeutig definiert. Derzeit gibt es mehrere Bedeutungen: Da wäre zum einen der sogenannte Zen-Code, eine verkürzte Form von HTML und CSS. Dabei wird der Quelltext gezielt reduziert, um das gleiche Ergebnis mit weniger Code zu erreichen und schneller und vor allem effizienter Coden zu können.

Für diese Technik gibt es für die gängigen Text-Editoren ein Plug-in namens Emmet, manche Editoren unterstützen die Technik auch selbst oder über eigene Plug-Ins. Kurz gesagt gibt der Web-Entwickler bei dieser Form des Zen-Codings einen Schnipsel stark verkürzten CSS-artigen Codes ein, um zum Beispiel eine komplexe Struktur wie eine Tabelle oder eine Liste in HTML zu erzeugen.

Browser unterstützen den Zen-Code nicht, weshalb dieser durch das Plug-in direkt innerhalb des Editors generiert wird. Beim Schreiben selbst hilft diese Technologie dabei, mit möglichst wenigen Tastenanschlägen möglichst viel des Webprojekts zu gestalten.

Zen-Coding als persönliche Haltung

Eine weitere Bedeutung des Zen-Codings betrifft den geistigen Zustand des Programmierers selbst. Hier geht es vor allem um den Achtsamkeitsbegriff, der sich vor allem auf die Arbeitsweise konzentriert: Der Entwickler sollte darauf achten, sich selbst nicht zu überfrachten. Ein aufgeräumter Schreibtisch sowohl vor als auch im Computer gehört genauso dazu wie die generelle Konzentration auf das Wesentliche.

Wer nach der Zen-Idee programmieren möchte, sollte sich möglichst vieler Ablenkungen entledigen. Laut Autor Christian Grobmeier zählen dazu übrigens nicht nur Dinge wie ein aufgeräumter Schreibtisch, sondern auch geistige Ruhe und Konzentration auf das Wesentliche der Arbeit sowie die innere Befreiung von Hierarchien und Plänen. Regeln wie „never stay at a company which does take away the happiness in your life“ mögen zwar auf der Hand liegen – an der konkreten Umsetzung hapert es jedoch meistens.

Zen-Coding als Hilfe bei der Code-Erstellung

Zu guter Letzt – und im Programmier-Alltag auch am wichtigsten – bedeutet Zen-Coding das Erstellen möglichst konzentrierter und strukturierter Projekte. Der Code sollte klar und ablenkungsfrei gestaltet sein. Manch Coder weiß, dass das nicht ganz so einfach ist.

Ein ursprünglich klares und ordentlich begonnenes Projekt beginnt mit der Zeit, eine Art Eigenleben zu entwickeln. Debugging und kollaboratives Arbeiten lassen Projekte nach und nach Zerfasern und am Ende ist der Programmcode für andere Entwickler kaum noch nachvollziehbar. Und sogar der oder die Urheber bekommen zusehends Probleme, die losen Enden in den Händen zu behalten. Das sorgt für Stress und Unruhe – und damit genau das Gegenteil der Zen-Idee.

Genau deshalb ist es nach der Idee des Zen-Codings essentiell wichtig, jede Zeile Code auf ihren Gehalt zu prüfen, gut zu dokumentieren und Unnötiges oder Überholtes fallen zu lassen. Hierfür muss der Programmierer allerdings auch loslassen können: Wochenlange kreative Arbeit fallenzulassen, weil es einen einfacheren Weg gibt oder weil ganze Funktionen des Projekts aufgegeben werden, fällt vielen nicht leicht.

Der klare Schnitt schafft in einem solchen Fall jedoch genau die Ordnung, die dem Code eine eigene Ruhe und Kraft verleiht. Dies kann gleichzeitig auch für schlankere und damit flottere Software sorgen.

Zen für den Anwender

Zen-Coding im weiteren Sinne betrifft natürlich auch das letztlich für den Anwender sichtbare Ergebnis, die Oberfläche und Funktionalität der Software. Die Planung von Programmfunktionen und die Gestaltung von Benutzeroberflächen sollte deshalb ebenfalls nach der Zen-Idee erfolgen.

Grob kann hier in aller Regel das Prinzip des „Weniger ist mehr“ angewandt werden. Deshalb sind auch mobile Apps, die wenige, aber dafür nützliche Kernfunktionen anbieten, in aller Regel erfolgreicher als eierlegende Wollmilchsäue, die den Benutzer mit einer Vielzahl an Menüs und Funktionen verwirren. Gleiches gilt natürlich auch für den Desktop: Wer hier bei der Gestaltung das Prinzip der möglichst ablenkungsfreien Umgebung anwendet, wird erfolgreich sein.

Viele moderne Apps und Programme sind inzwischen beispielsweise fast ohne sichtbare Menüs gestaltet. Die von Mobilgeräten bekannten drei Punkte oder Striche führen inzwischen auch auf PC und Mac zu einem meist stark vereinfachten Menü. Der Nutzer sollte sich später auf das Wesentliche konzentrieren und sich die zentralen Programmfunktionen ohne Handbuch selbst erarbeiten können.

Zen-Coding verinnerlichen

Insgesamt ist die Idee des Zen-Codings beziehungsweise des Zen für Programmierer sicherlich nur rudimentär mit dem eigentlichen Ideal des Zen-Buddhismus verwandt. Vielmehr handelt es sich um stark vereinfachte Regeln, um Ruhe in den Code und den Alltag als Programmierer zu bringen.

Gleichzeitig sollte natürlich auch der Anwender die Software letztlich möglichst ablenkungsfrei und konzentriert nutzen können. In der Praxis kann Zen bei der Softwareerstellung in all ihren Facetten also dabei helfen, Arbeitszeit zu sparen und Konflikte mit Vorgesetzten, Kollegen und Kunden zu vermeiden. Kurzum: Zen beim Coding sorgt für Ruhe – und in der Ruhe liegt bekanntlich die Kraft.

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Über den Autor

 Christian Rentrop

Christian Rentrop

IT-Fachautor