Junge Fachkräfte für Großrechner interessieren

Mainframe-Entwickler – ernsthaft?

| Autor / Redakteur: Thomas Keisel * / Stephan Augsten

Junge Entwickler haben kein Interesse am Mainframe, heißt es – dabei stehen die Jobchancen recht gut.
Junge Entwickler haben kein Interesse am Mainframe, heißt es – dabei stehen die Jobchancen recht gut. (Bild gemeinfrei: geralt / Pixabay)

Viele haben ihn schon längst abgeschrieben, doch der Mainframe lebt munter weiter. Und seine Nutzung steigt sogar, so dass Entwickler händeringend gesucht sind. Doch wie können Unternehmen die Plattform für junge Fachkräfte interessant machen?

Die Zahlen sind dramatisch: Laut einer Forrester-Studie aus dem Jahr 2018 haben deutsche Unternehmen durchschnittlich 20 Prozent ihrer Mainframe-Spezialisten in den vorangegangenen fünf Jahren verloren. Zwei Drittel dieser Positionen konnten sie nicht mehr besetzen.

Trotzdem lassen in Deutschland 68 Prozent der Unternehmen in diesem Jahr mehr als die Hälfte ihrer kritischen Anwendungen auf der Plattform laufen. Dabei hängen etwa vier von fünf Kunden-Anwendungen dieser Unternehmen vollständig oder stark vom Mainframe ab.

Alleine diese Ergebnisse verdeutlichen, dass der Mainframe trotz zahlreicher Unkenrufe weiterhin stark genutzt und sein Einsatz sogar noch erweitert wird. Doch immer mehr langjährige Mainframe-Spezialisten gehen in Pension oder widmen sich anderen Aufgaben. Entsprechend sind zahlreiche Unternehmen auf der Suche nach jungen Fachkräften.

„Superhelden“ für die IT

Aber wie kompatibel ist die Mainframe-Umgebung für junge IT-Professionals? Und was könnte sie an dieser Plattform reizen? Antworten auf diese Fragen sind für Unternehmen entscheidend, um Talente anzulocken und zu halten.

Ein starkes Argument für junge Fachkräfte lautet, dass der Mainframe weiterhin die leistungsfähigste Plattform bildet, die auf dem Markt zur Verfügung steht. Er ist sicher, zuverlässig und schnell. Daher verlassen sich viele Unternehmen weiterhin darauf. Vor allem Banken und Versicherungen setzen ihn auch langfristig ein.

Dabei bildet der Großrechner das Rückgrat für moderne Anwendungen wie Mobile Banking oder Chatbots. Wer sich für den Mainframe entscheidet, darf sich also zu Recht als „IT-Superheld“ im Hintergrund sehen, der dafür sorgt, dass große Wirtschaftsakteure wie Banken und Versicherungen rund laufen sowie ihre Apps funktionieren.

Mainframe-Entwickler können sich auch deswegen als etwas Besonderes fühlen, weil sie in einer speziellen Nische arbeiten und sich um ein Thema kümmern, das nicht viele Leute kennen. Damit sind sie noch stärker gefragt als Informatiker in Mainstream-Bereichen. Aufgrund des mangelnden Wettbewerbs und des anstehenden Generationenwechsels können sie sehr schnell Verantwortung übernehmen, sich zum Scrum-Master weiterentwickeln oder eine Führungsrolle einnehmen.

Die Zusammenarbeit mit erfahrenen Entwicklern ist dabei sehr inspirierend und eröffnet völlig neue Entwicklungswege. Zudem bilden Mainframe-Entwickler einen wichtigen Teil vieler Unternehmen. Denn weltweit ist der größte Teil des Codes weiterhin in COBOL geschrieben. Und auf dem Mainframe läuft COBOL. Also ist die Plattform auch heute noch die wichtigste IT-Umgebung der Welt.

Die Bedeutung wird durch neue Entwicklungen wie dem Internet der Dinge (IoT) sogar weiter steigen. Dadurch entstehen Hunderte von Terabyte an neuen Daten, die durch ein hochskalierbares, performantes und zuverlässiges System wie dem Mainframe verarbeitet werden müssen. So erhalten junge Entwickler einen interessanten Job, bei dem sie auch verstehen können, wie wichtig er ist.

Anfängliche Berührungsängste

Diese Vorteile müssen jungen Fachkräften aber erst vermittelt werden. Schließlich herrscht das hartnäckige und weit verbreitete Vorurteil, das der Mainframe eine aussterbende Plattform sei. So ziehen viele Talente eine Beschäftigung damit erst gar nicht ernsthaft in Erwägung.

Junge Menschen kommen außerdem nur selten mit dem Großrechner in Kontakt – etwa im Informatik-Studium, in Communities oder auch bei Praktika in Unternehmen. Denn viele dieser Institutionen glauben selbst, dass der Mainframe „uncool“ ist und junge Leute abschreckt. Daher wissen nur wenige Talente etwas über diese Plattform, bevor sie mit ihr in Berührung kommen.

Diese Unkenntnis stellt aber kein echtes Problem dar. Denn grundlegende Programmierkenntnisse und technische Fähigkeiten sowie gutes logisches Denken reichen in der Regel aus, um jede Programmiersprache zu lernen. Da jedoch immer weniger Universitäten COBOL vermitteln, kommt der Weiterbildung in Unternehmen eine immer wichtigere Rolle zu. Neben einem reibungslosen Onboarding-Prozess ist auch eine kontinuierliche Begleitung der jungen Fachkräfte durch erfahrene interne Experten nötig.

Eine große Herausforderung für junge Entwickler ist jedoch die in vielen Unternehmen weiterhin genutzte klassische Oberfläche, welche die direkte Eingabe von Codezeilen erfordert. Inzwischen stehen aber auch für den Mainframe moderne integrierte Entwicklungsumgebungen (IDE) bereit. So fühlt sich die Programmierung an wie bei einem aktuellen System. Dies erleichtert den Einstieg für junge Entwickler wesentlich.

Zukunftsfähiges Alt-System

Der Mainframe funktioniert heute aber nicht nur mit einer modernen IDE, sondern auch mit anderen aktuellen Ansätzen. Zum Beispiel lassen sich Mainframe und Cloud problemlos miteinander nutzen. Die „Zwei-Plattform-IT“ bietet dazu einen integrierten Ansatz, bei dem geschäftskritische Prozesse auf dem Mainframe und allgemeine Workloads auf XaaS-Ressourcen von Cloud-Anbietern laufen.

Innovative Anwendungen werden dabei mit Hilfe von APIs integriert und lassen sich plattformübergreifend mit Agile- und DevOps-Tools bearbeiten. Dabei funktionieren auch Continuous Integration und Continuous Delivery mit dem Mainframe.

Allerdings müssen dazu häufig die Kultur, Prozesse und Werkzeuge des Unternehmens modernisiert werden, um eine höhere Geschwindigkeit, Qualität und Effizienz bei der Entwicklung und Bereitstellung von Mainframe-Anwendungen zu ermöglichen. Zum Beispiel sind bestehende Silos aufzulösen und iterative Methoden einzuführen. In Kombination mit einem digitalen Arbeitsplatz, flachen Hierarchien und Eigenverantwortung wird das Unternehmen für Millennials attraktiv.

Fazit

Thomas Keisel
Thomas Keisel (Bild: Compuware)

Der Mainframe bietet auch für junge, motivierte Programmierer spannende Aufgabengebiete und hervorragende Zukunftsaussichten. Doch Unternehmen müssen ihnen moderne Mainframe-Entwicklungswerkzeuge an die Hand geben, um den Umgang mit der bewährten Plattform zu erleichtern. Zudem sollten sie schon an Universitäten oder über Hackathons in Kontakt mit Talenten treten, sie im eigenen Haus weiterbilden und mit Mentoren begleiten.

* Thomas Keisel ist Vice President bei Compuware Mainframe Solutions

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