Warum IT-Leiter weder noch ausschließen können

Low-Code oder Pro-Code?

| Autor / Redakteur: Christoph Garms * / Stephan Augsten

Die Frage, ob Low Code das „Hard Coding“ auf Dauer ersetzen kann, stellt sich zwangsläufig vielen IT-Entscheidern.
Die Frage, ob Low Code das „Hard Coding“ auf Dauer ersetzen kann, stellt sich zwangsläufig vielen IT-Entscheidern. (Bild gemeinfrei: Madison Yocum / Unsplash)

IT-Abteillungen haben es schwer, den Bedarf an Software und Apps zu decken. Low-Code-Lösungen scheinen der ideale Weg, um Anwendungen mit geringem Programmieraufwand und in kürzester Zeit zusammenzustellen. Doch kann Low-Code tatsächlich halten, was es verspricht?

Die digitale Transformation und der wachsende Bedarf an Anwendungen erfordert, dass Unternehmen agiler werden und sich ständig anpassen. Daher müssen IT und Business enger zusammenarbeiten, um Kunden- und Geschäftswünsche möglichst schnell zu erfüllen und auch möglichst zu übertreffen.

Die strategische Umstellung der Geschäftsprozesse auf Mobile- oder Browser-Anwendungen ist dementsprechend ein wichtiger Schritt. Dieser ist allerdings in der Regel mit hohen Kosten und technischen Anforderungen verbunden. Das lässt Entscheider häufig zögern – denn ein Verlust wertvoller Wettbewerbsvorsprünge droht.

Um der wachsenden Business-Agilität gerecht zu werden, bieten Low-Code-Plattformen mittlerweile eine effiziente Alternative zur reinen Individualentwicklung oder starrer Standardsoftware. Der Markt wächst rasant und wird nach Angaben des Branchenanalysten Forrester bis 2022 voraussichtlich 22 Milliarden Dollar erreichen. Doch kann Low-Code überall halten, was es verspricht?

Low-Code beseitigt technische Barrieren

Im Durchschnitt nutzt ein Unternehmen mehr als 400 Softwareprodukte, die für Nicht-IT-Profis jedoch nur bedingt zugänglich sind und zu einer stark fragmentierten IT-Landschaft führen. Sogar für erfahrene IT-Experten wird es zunehmend schwerer, sich im Anwendungschaos zurechtzufinden. Mit der steigenden Nachfrage nach Applikationen fehlen den IT-Abteilungen immer häufiger die Zeit und die Ressourcen.

Low-Code-Lösungen tauchen hier vermehrt auf, da sie Unternehmen Zeit und Geld sparen können. Das Leitmotiv heißt: Weniger Code und mehr Konfiguration. Die sogenannten Low-Code Plattformen unterscheiden sich funktional von der traditionellen manuellen Codierung, da sie eine Reihe von Methoden verwenden, um die Entwicklung von Anwendungen einfacher und schneller zu gestalten.

Im Prinzip können Entwickler auf diese Weise gewünschte Apps und Anwendungen innerhalb von Tagen und nicht Monaten erstellen. Typische Services solcher Plattformen sind u. a. Drag-and-Drop-Schnittstellen, die visuelle Modellierung von Prozessen und Datenmodellen im Code oder gar die Sicherheit und Skalierbarkeit des Geschäfts.

Bei starkem Wachstum oder komplexen Unternehmensstruktur stoßen bestehende Prozesse irgendwann an ihre Grenzen. Mit seinem ERP-System SAP EVO konnte Vodafone Group beispielsweise seinen Mitarbeitern in 27 Ländern bereits 2016 ein „Ready Business“-Modell zur Verfügung stellen und die Anzahl der Prozesse in einer einzigen Desktop und mobilen App deutlich reduzieren. Mit Hilfe der Neptune DX Platform, wurde das Ziel gesetzt, sowohl bei der Online- als auch Offline-Nutzung eine konsistente „User Experience“ anzubieten.

Etablierte Low-Code-Anbieter, haben ihre Plattform zu einer stabilen Kernkomponente der jeweiligen IT-Infrastruktur weiterentwickelt. Administratoren werden so von der Einbindung in kritische Systeme wie SAP oder Oracle befreit und die Integration in bestehende Sicherheitsinfrastrukturen, zum Beispiel auf Basis von Microsoft Azure Active Directory (AAD), wird ebenfalls ermöglicht.

Was bringt allerdings dieses Baukasten-Prinzip im Geschäftsalltag? In erster Linie wird die technische Barriere deutlich gesenkt. Jeder kann damit arbeiten: Entwickler und sogar Mitarbeiter, die wenig Fachkenntnisse in der Softwareentwicklung haben, sind nun in der Lage Anwendungen mit geringem Programmieraufwand zusammenzustellen und ihre Expertise mit einzubringen. Low-Code-Lösungen konzentrieren sich auf das wesentliche, um es Unternehmen einfacher zu machen in die Zukunft geführt zu werden.

Ganz ohne Code geht es trotzdem nicht

Je nach Herausforderung benötigt jede Anwendung ihre eigene Logik. In der Praxis ist diese Geschäftslogik unter Umständen komplexer als die vorgegebenen Datenmodelle und Workflows und erfordert in der Regel weitere Kalkulationen und Programmierkenntnisse. Hier ist es sinnvoll, auf reguläres Full-Stack-Coding zurückzugreifen, um diese komplexe Geschäftslogik zu erfassen und über externe APIs in das System einzubinden.

Entwickler arbeiten zunehmend mit Low-Code-Lösungen, um schneller loszulegen. Die Möglichkeit auf den Code zurückzugreifen, bleibt aber notwendig, um die Applikation zu optimieren. Doch mit dieser Methode bleibt die Geschäftslogik, das Herz eines Unternehmens, nach wie vor für Nicht-Entwickler unzugänglich und unzureichend. Das reine Low-Code-Konzept stößt hier also an seinen Grenzen.

Die Beschränkung von Low-Code-Lösungen auf einfach zu bedienende Anwendungen und ein ausschließliches Frontend-Design verhindert funktionsübergreifende Zusammenarbeit aus der Business und IT Ebene und dem digitalen Wandel. Diese Einstellung ist bei weitem nicht agil und zukunftsorientiert.

Von Low-Code zu Pro-Code: Die Mischung macht’s!

Unter dem Motto: Weniger coding, mehr Produktivität, schaffen Low-Code-Plattformen ein Großteil der Anwendungsinfrastruktur und helfen Entwicklern, diese mühelos auf dem existierenden ABAP Stack zu integrieren. Low-Code sollte in Maßen verwendet werden. Eine unzureichend koordinierte Nutzung führt oft zur Entwicklung vieler kleiner flacher Anwendungen, die schließlich die gesamte IT Landschaft durchdringen.

Wie lässt sich diese funktionsübergreifende Zusammenarbeit realisieren? SAP-basierte Entwicklungstools wie SAP Fiori Apps bieten unter anderem eine intuitive Benutzeroberfläche und ein rollenbasiertes Arbeiten. Auf diese Weise können Low Code Entwickler und Full-Stack-Entwickler Hand in Hand an der Erstellung des bestmöglichen digitalen Produkts arbeiten.

Die Low-Code-Plattform ist der Ausgangspunkt, auf der Full-Stack-Softwareentwickler die passende Struktur an Microservices erstellen können. Es entlastet so die Full-Stack-Entwickler und IT-Architekten und ermöglicht ihnen fragmentierte Backend-Systeme des gesamten Geschäftsfeldes zu konsolidieren und zu vereinheitlichen. Bei der Softwareentwicklung geht es hauptsächlich darum, die Anwendungen mit allen Plattformen, Datenquellen, Datenbanken, Netzwerkschichten, APIs, Sicherheitsmechanismen und -verfahren zu vereinen.

Mit einer zentralen Low-Code-Plattform wird das Kerngeschäftsfeld über die einzelnen Systeme gestellt und es lassen sich Innovation und Agilität am effektivsten in Business- und IT-Teams skalieren. Die Fähigkeit, professionellen Code “Pro Code” zu verwenden und die bestehende IT-Landschaft zu integrieren, ist unterm Strich der Schlüssel, um die wahre Macht von Low Code zu entfesseln. Eine gesunde Mischung aus Low- und Pro-Code sorgt für ein optimales Entwiklungserlebnis und effizientere Applikationen auf Basis einer einzigen Plattform.

Fazit

Vieles läuft heute über native Mobile- und Desktop-Apps, um die Arbeitsprozesse zu optimieren. Doch eine komplette Applikation zu coden ist in der Regel teuer und zeitaufwendig. Es erfordert Programmierkenntnisse, die in vielen Unternehmen nicht ausreichend vorhanden sind. Low-Code-Plattformen greifen dieses Problem zunehmend auf und bieten eine technologische Lösung, um die Lücke zwischen Business und IT-Abteilungen in jedem Unternehmen zu schließen.

Dies alleine ist aber nicht die Lösung. Ein zukunftsorientierter Ansatz schafft wirkliche Wettbewerbsvorteile. Daher sollte Low-Code von Pro-Code nie ganz ausgeschlossen werden. Unter allen möglichen Arten von Anwendungen und Lösungen gibt es in vielen Unternehmen – trotz vieler wiederkehrender Modelle – eine überwiegende Anzahl an hochkomplexen und individuellen Szenarien.

Christoph Garms
Christoph Garms (Bild: Neptune Software)

Pro-Code ermöglicht es hier, manuelle Anpassungen und Verbesserungen vorzunehmen und die Anwendungen vollständig an die Bedürfnisse des Unternehmens und bestehende Systeme anzupassen. Der Brückenschlag passiert also genau hier. IT-Manager müssen eine Verbindung zwischen beiden Welten herstellen, anstatt sie voneinander abzugrenzen. Nur so kann wirklich agil gehandelt werden.

* Christoph Garms ist Managing Director von Neptune Software in Deutschland. Seine Vision ist es, die Kluft zwischen Business und IT zu überbrücken und die IT Abteilungen im DACH-Markt zu einer echten digitalen Transformation zu bewegen.

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