Reaktionen auf die Übernahme von Red Hat

IBM kauft Linux-Business – nicht die Anwender

| Autor: Ludger Schmitz

IBM hat sich einen roten Hut gekauft - aber passt der auch?
IBM hat sich einen roten Hut gekauft - aber passt der auch? (Bild: IBM, Red Hat, Zusammenstellung: Ludger Schmitz)

Wer sich mit etwas Abstand zu den Übernahmemeldungen die Reaktionen anschaut, kann eine Überraschung erleben. Im Open-Source-Business und bei Analysten überwiegen positive Stimmen, bei den Kommentaren von Anwendern die negativen.

„Wir sind im Linux-Geschäft strikt neutral.“ Das erklärte Hans-Jürgen Rehm, Sprecher von IBM Deutschland, nun gut zwei Jahrzehnte immer wieder. Und er bekräftige: „Wir bevorzugen keine Linux-Distribution.“ Das wird er künftig nicht mehr sagen. Zwar soll Red Hat unter dem blauen Dach eigenständig agieren, aber die IBM-VBs werden natürlich bei den Kunden ihrem Linux-Ableger das Wort reden. Ob sie damit durchkommen, ist eine andere Sache.

Anleger sind sehr zufrieden - Analysten einigermaßen

Ein völlig eindeutiges Votum haben wohl die Besitzer von Red-Hat-Aktien gegeben. Weil IBM einen fantastischen Aufschlag auf den Kurs bietet, machen institutionelle Investoren und Privatanleger – die Red-Hat-Aktie ist sehr breit gestreut – jetzt erst einmal Kasse. Der Deal wird nicht an einer Blockade der Anleger scheitern.

Deutlich überwiegend positiv fielen auch die Reaktionen von Branchenanalysten aus. Gartner, Forrester und 451 Research stellten an die erste Stelle, dass Big Blue durch die Übernahme das Portfolio genau in die Richtung verbessert, die sich IBM-Chefin Ginni Rometty wünscht: Cloud. Red Hat hat hier eine starke Position bei Container-Technologie (Kubernetes), Middleware und Entwicklungs-Tools. Grundsätzlich also eine Win-Situation für IBM. Und das zählt in Augen der Analysten mehr als alle Bedenken.

Wo es nicht so gut passt

Zu denen zählen die Analysten, dass IBM muss seine Produktstrategien klären. Bei Red Hat spielt OpenShift die zentrale Rolle, um zwischen verschiedenen Clouds und eigenen Rechenzentren zu vermitteln. IBM verfolgt bisher eine neutralere Herangehensweise über Projekte von Cloud Foundry.

Außerdem steht IBM, darauf weist 451-Analyst Jay Layman, ein ausgewiesener Open-Source-Kenner, hin, vor der Herausforderung zwei deutlich unterschiedliche Firmenkulturen unter einen Hut bringen zu müssen. IBM hat wie andere Unternehmen dieser Größe zumindest nach außen bürokratisch erscheinende Strukturen, die Seriosität und Stabilität signalisieren sollen. Red Hat ist hingegen Entwickler-geprägt und hat eine vergleichsweise sehr flache Entscheidungshierarchie, in der gute Entwicklerideen leichter auf fruchtbaren Boden fallen und zu Größe gedeihen.

Applaus von Salesforce und Cloud Foundry

Aus der IT-Industrie wurden kaum Stellungnahmen bekannt; Kommentare von Wettbewerbern sind nicht üblich. Bemerkbar machte sich vor allem Salesforce-Chef Marc Benioff: „Das ist genaue das, was IBM hätte tun sollen… Red Hat ist das Herz der Cloud und nun in Zukunft das Herz von IBM.“ Das positive Urteil wundert nicht, Salesforce stützt sich stark auf Red-Hat-Produkte.

Sehr positiv war auch die Reaktion aus der Cloud Foundry, in der IBM Platin-Mitglied ist, also ein bedeutender Finanzier. „Die Kombinierte Kraft beider wird Kunden ein wahres Bankett von Optionen anbieten“, schrieb Abby Kearns, Executive Director der Organisation in deren Blog. Die Kunden wollten Multi-Cloud und Multi-Plattform-Lösungen, wofür es Agilität, Portabilität und Skalierbarkeit brauche. „Dafür brauchten sie die Flexibilität von Open Source“, so Kearns. Microsofts Übernahme von GitHub und IBMs Red-Hat-Kauf zeigten, dass beide „ein ausgeprägtes Verständnis für die Bedürfnisse ihrer Unternehmenskunden haben – und die Entwickler bestehen häufig auf Open Source.“ IBM habe gerade ein neues Projekt in der Cloud Foundry angestoßen, und die Investition in Red Hat zeige „eine noch eingehendere Verpflichtung zu Open-Source-Innovation“.

Stellungnahme der Open Source Business Alliance

Ebenso deutlich war die Reaktion der deutschen Open Source Business Allianz, in der unter anderem sämtliche bekannten deutschen Open-Source-Anbieter Mitglied sind. Ihren Vorsitzenden Peter Ganten zitierten diverse deutsche Publikationen der überregionalen Tagespresse. Einen „riesigen Schub für Open Source“, sieht Ganten in der Übernahme. „Open Source ist im Mittelpunkt der Digitalisierung angekommen“, „ohne Open Source geht nichts mehr“.

IBM habe, wie es zuvor schon Microsoft mit dem Kauf von Github gezeigt habe, erkannt, dass die Anwenderunternehmen zwar Cloud Computing wollten, aber einige Anwendungen lieber im eigenen Rechenzentrum behalten möchten. Das Ergebnis laufe auf Hybrid Clouds hinaus, völlig richtig von IBM bemerkt. Und unter dieser Voraussetzung seien Interoperabilität und Offenheit von elementarer Bedeutung. Ganten: „Die Anwender wollen sich nicht von einem Anbieter abhängig machen lassen, und Open Source ist der Garant von Wahlfreiheit.“ Der IBM-Kauf werde „den Trend zu mehr Offenheit bei der Auswahl der Cloud-Anbieter verstärken“ und IBM selber bei der Neuausrichtung des Unternehmens helfen.

Während Oracle überhaupt nicht mit dem Open-Source-Erbe durch die Übernahme von Sun klargekommen ist, befürchtet Ganten nicht, dass IBM die Open-Source-Orientierung von Red Hat beschädigen könnte. Schließlich ist bekannt, dass IBM über gut zwei Jahrzehnte eine Menge personelle Ressourcen und Finanzen in die Weiterentwicklung von Linux und Open Source investiert hat. IBM werde mit dem Kauf Red Hat und Linux nicht schwächen, sondern der sei als Signal an die Anwender zu verstehen, dass sie mit mehr Vertrauen auf Open Source setzen können.

Kritik in Online-Kommentaren

Doch die Anwender scheinen im Gegensatz zu den Top-Managern bei den Open-Source-Anbietern wesentlich skeptischer zu sein. In den Kommentaren zu den Übernahmemeldungen der Open-Source-affinen Online-Medien – man darf davon ausgehen, dass sich hier viele Praktiker zu Wort melden – halten sich Pro- und Contra-Stimmen etwa die Waage. Bei den skeptischen Aussagen lässt sich erkennen, dass IBM kein gutes Image hat.

Sehr verbreitet ist die Befürchtung, Red Hat könnte in dem Großkonzern untergehen, zuerst beim „Blue Washing“ an Profil verlieren und dann an seine innovativsten Köpfe. IBM habe eine für Großunternehmen typische ausgeklügelte (aber vielleicht nicht unbedingt kluge), schwerfällige, bürokratische Organisation. Die Agilität von Red Hat passe einfach nicht dazu. IBMs in den letzten zwölf Monaten gesunkener Aktienkurs zeige, dass Big Blue auf dem absteigenden Ast sitze. Der Kauf sei nur eine „Frischzellenkur“, die dem Konzern „mehr Lebenszeit“ gebe.

Was wird aus Fedora, CentOS - sowie Ubuntu und Suse?

Außerdem habe IBM schon so viele Unternehmen gekauft, Technologie mitgenommen und nicht passende Produkte eingestampft. Branchenerfahrene erinnern sich an Namen wie Informix, PWC Consulting, EADS Matra Datavision, Rational, Candle, Isigon, Micromuse, MRO, Filenet, Internet Security Systems, Cognos oder SPSS. Und was ist davon geblieben? Das könnte auch dem Client-Linux Fedora und dem freien Server-Linux CentOS passieren, die beide auf Sourcecode von Red Hat Enterprise Linux (RHEL) aufbauen. Prompt wurde schon über „CentOS/2“ gespottet und darauf verwiesen, dass die Linux-Variante bei Hochschulrechenzentren und beim CERN von zentraler Bedeutung ist.

Immer wieder taucht die Vermutung auf, jetzt beginne das Rennen um die anderen großen Linux-Namen. Ganz oben auf der Einkaufliste könnten Ubuntu und Suse stehen. Letztere Distribution ist eh schon durch mehrere Hände gegangen. Der Kauf von Red Hat könnte allerdings auch zeigen, dass Open Source ein tragbares Geschäftsmodell ist, und Nachahmer reizen.

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