Schnelle und einfache Umsetzung nutzerfreundlicher Frontends

Ein Minimum Viable Product richtig einsetzen

| Autor / Redakteur: Roland Guelle * / Stephan Augsten

Selbst die erste, minimal funktionsfähige Iteration kann mitunter schon gut darstellen, wie es mit einem Projekt weitergehen kann.
Selbst die erste, minimal funktionsfähige Iteration kann mitunter schon gut darstellen, wie es mit einem Projekt weitergehen kann. (Bild gemeinfrei: Inge Wallumrød / Pexels)

Damit ein Produkt erfolgreich angenommen wird, muss es entsprechend der Anforderungen seiner späteren Anwender entwickelt werden. Um diese möglichst früh in der Projektphase in Erfahrung zu bringen, hilft der Einsatz eines MVPs.

Zeit und Kosten bei der Entwicklung sparen – dies ermöglicht ein „Minimum Viable Product“ (MVP). Dabei handelt es sich um die erste veröffentlichte Version eines Produkts oder Services, die zum Marktstart zunächst einen Basisumfang an Funktionen mit direkt erkennbarem Mehrwert für die Nutzer beinhaltet. Weitere Features werden erst im Anschluss implementiert.

Dieses Konzept der ersten, minimal funktionsfähigen Iteration ist Teil der Lean-Startup-Methode. Zielsetzung ist dabei, Produkte schnellstmöglich auf den Markt zu bringen, ohne dabei Abstriche bei der Qualität zu machen. Agile Arbeitsweisen, die ebenfalls Teil der Lean-Startup-Methode sind, schaffen die hierfür notwendigen Voraussetzungen.

Durch die Kombination aus einer Entwicklung in zeitlich überschaubaren Sprints sowie frühen und regelmäßigen Feedback-Runden kann flexibel auf mögliche Änderungswünsche reagiert werden. Entwickler stellen durch das iterative Vorgehen also sicher, dass das Endprodukt optimal auf die späteren Nutzer angepasst ist. Soweit die Theorie: Doch welche Probleme ergeben sich in der Praxis?

Herausforderung: Die frühe Präsentation des MVPs

Die tatsächlichen Anwenderbedürfnisse präzise zu bestimmen, ist bei der Produktentwicklung oftmals schwieriger als die spätere technische Umsetzung. Darüber hinaus besteht auf Seiten der Entwickler häufig der Wunsch, bereits den Prototyp mit vielen Funktionen perfekt ausstatten zu wollen.

Die Erfahrung zeigt, dass es empfehlenswert ist, sich zunächst bewusst auf das Wesentliche zu beschränken und Möglichkeiten für Optimierungen zu lassen. Da zu Beginn des Projekts vorsätzlich keine Aufstellung über die später verfügbaren Funktionen definiert wird, können weder Entwickler noch Kunden exakt voraussagen, wie groß der letztendliche Aufwand sein wird.

Ohne Vorkenntnisse zur Lean-Startup-Methode kann daher der Eindruck entstehen, dass bei der Implementierung Arbeiten möglicherweise doppelt erledigt werden müssen: So werden sie einmal „grob“ eingearbeitet und – sofern sie den Wünschen der Nutzer entsprechen – noch einmal detailliert umgesetzt.

Tatsächlich kann dieses Vorgehen jedoch sogar dabei helfen, Aufwand und somit Kosten zu sparen. Letztlich lassen sich damit nämlich unnötige Funktionen früh erkennen, so dass sie nicht erst bis ins kleinste Detail entwickelt werden.

Die Kombination aus Stabilität und Modernität

Aus technischer Sicht ist die Entwicklung neuer Softwarelösungen oder ansprechender Internetauftritte mittels eines MVPs vor allem für Firmen mit historisch gewachsener IT eine große Herausforderung. Denn in der Regel sollte das Backend des Unternehmens – das sich seit Jahren oder Jahrzehnten im Arbeitsalltag bewährt – unangetastet bleiben. Es garantiert einen reibungslosen Ablauf des täglichen Geschäfts sowie die Einhaltung gesetzlicher Bestimmungen.

Umbaumaßnahmen an dieser Infrastruktur sind zudem in der Regel aufgrund ihrer Komplexität ohne Abschaltung kaum möglich. Die Krux dabei ist: Kaum ein Online-Service kann als Insellösung fungieren. Vielmehr muss er normalerweise an die Legacy-IT angebunden werden, um Daten in beide Richtungen übermitteln und so Prozesse vereinfachen zu können.

Damit dies gelingt, muss sich die Benutzerschnittstelle allerdings an die dort existierenden Vorgaben anpassen. Oft werden die Gestaltung des Frontends und damit die Nutzererfahrung durch diesen Umstand stark negativ beeinflusst. Als Lösung eignet sich in einem solchen Fall ein Frontend-Layer wie couper.io, der sich zwischen das Front- und das Backend legt.

Ein solcher Layer dient als eigenständige Entwicklungsebene und bietet flexible Schnittstellen, über welche Daten aller Art zwischen den beiden Ebenen übermittelt werden können. Diese Zweiteilung der IT sorgt dafür, dass die stabilen Systeme im Hintergrund unangetastet bleiben können, während die Nutzeroberfläche frei von den dort üblichen technischen Vorgaben und Einschränkungen entwickelt werden kann.

Praxisbeispiel: Neues Frontend als Schritt zur Digitalisierung

Wie die Implementierung eines ansprechenden Frontends gelingt, zeigt das Beispiel des Sevenval-Kunden HDI. Der Versicherungsanbieter wollte seinen Abschlussprozess für Gewerbeversicherungen komplett digitalisieren. Zu diesem Zweck sollte eine benutzerfreundliche Schnittstelle entwickelt werden, die automatisierte End-to-End-Prozesse ermöglicht.

Dafür war es unerlässlich, das User Interface „nahtlos in die bestehende Infrastruktur zu integrieren“, so Markus Rehle, Vorstand der HDI Versicherung AG. Das Backend des Unternehmens war allerdings über Jahrzehnte kontinuierlich gewachsen. Hier Umbauarbeiten anzugehen, wäre mit einem immensen Zeit- und Kostenaufwand verbunden gewesen.

Mithilfe des Frontend-Layers wurde für die neue Plattform „Firmen Digital“ zunächst ein MVP entwickelt – ein Online-Portal, auf dem Anträge gestellt werden konnten. Die erfassten Daten wurden anschließend in das alte System mit den Bestandskundendaten eingepflegt. Nach der ersten Präsentation dieses MVPs konnten weitere Funktionen am Frontend hinzugefügt sowie die dazugehörigen Prozesse nach und nach optimiert und automatisiert werden.

Kurzfristige Anpassungen durch MVP-Methode und agile Arbeitsweise

Durch die Verwendung des Frontend-Layers sowie die iterative Arbeitsweise der Entwickler konnten nach einer erneuten Feedbackrunde weitere gewünschte Änderungen schnell implementiert werden. So wünschten sich die Versicherungsmakler, die später im Arbeitsalltag mit der Plattform arbeiten sollten, beispielsweise für einige Kunden eine automatisch eingeschränkte Auswahl der Produktspezifikationen.

Dies hatte noch einmal direkte Auswirkungen auf die grafische Benutzeroberfläche, konnte jedoch ohne großen Aufwand umgesetzt werden. Inzwischen lassen sich verschiedene Produkte für Gewerbeversicherungen unkompliziert im Baukastenprinzip zusammenstellen und das Tool ist in den Arbeitsalltag der Makler voll integriert. Diese nutzen es unter anderem, um ihren Kunden direkt vor Ort unterschiedliche Deckungsvarianten zu präsentieren.

Roland Guelle, Sevenval
Roland Guelle, Sevenval (Bild: Eric Remann)

Dabei lassen sich die monatlichen Kosten sofort anzeigen und ausgefüllte Anträge können umgehend online übermittelt und automatisch weiterverarbeitet werden. Sollte es künftig weitere Änderungs- oder Ergänzungswünsche seitens Versicherer, Makler oder Kunden geben, lassen sich auch diese jederzeit schnell und unkompliziert umsetzen.

* Roland Guelle ist als CTO der 1999 gegründeten Sevenval Technologies GmbH verantwortlich für Forschung und Entwicklung. Mit rund 170 Mitarbeitern in Köln und Berlin hat sich Sevenval auf Frontend-Lösungen spezialisiert, die eine moderne, schnelle und sichere User Experience auch auf Basis historisch gewachsener IT-Systemlandschaften ermöglichen. Er entwickelt auch heute noch selbst und spricht auf Entwickler-Konferenzen.

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