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Software-Lokalisierung, Teil 2 Design-Aspekte der Software-Anpassung

| Autor / Redakteur: Christian Rentrop / Stephan Augsten

Bei der Lokalisierung von Software und Webanwendungen spielt das Design eine wichtige Rolle. Verschiedene Textarten, Schriftrichtungen und natürlich kulturelle Gewohnheiten können den Unterschied zwischen Erfolg und Misserfolg ausmachen. Im Folgenden finden Sie einige Regeln, die Sie beachten sollten.

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Der bunte Auftritt des japanischen Rakuten-Webshops veranschaulicht sehr deutlich die andere Wahrnehmung in High-Context-Kulturen.
Der bunte Auftritt des japanischen Rakuten-Webshops veranschaulicht sehr deutlich die andere Wahrnehmung in High-Context-Kulturen.
(Bild: Rakuten)

Wer sich entscheidet, seine Software zu internationalisieren, sollte von vornherein ein Auge für die nötigen Designentscheidungen mitbringen. Denn das Anpassen einer Software an verschiedene Sprach- und Kulturräume (Lokalisieren) ist weit mehr, als nur das Übersetzen von Texten und Schaltflächen.

Durch zahlreiche verschiedene Schriften, Schreibrichtungen, kulturelle Sehgewohnheiten und Interpretationen von Bildern ist das Design internationalisierter Software im Grunde eine Wissenschaft für sich. Natürlich hauptsächlich dort, wo grafische Benutzerführung eingesetzt wird. Mit den folgenden Regeln können Sie sicherstellen, dass die Lokalisierung später weitestgehend problemlos abläuft.

Überlegungen vorab

Fest steht: Das Software-Projekt soll internationalisiert und entsprechender Code verfasst werden. Da die Internationalisierung jedoch sehr aufwändig ist, ist es sinnvoll, vorab Überlegungen anzustellen, für welche Märkte das Produkt überhaupt in Frage kommt. Diese Überlegung entscheiden nämlich darüber, wie flexibel die Internationalisierung gestaltet werden muss.

Soll das Produkt zum Beispiel „nur“ in europäisch geprägten Ländern veröffentlicht werden – Europa, Nord- und Südamerika, Australien – gibt es hier einige gemeinsame Nenner: Die Schriftrichtung ist immer von links nach rechts, die Sprachen und Schriften variieren verhältnismäßig wenig und auch die Sehgewohnheiten, also Ansprüche an Farben, Formen, Bilder und nicht zuletzt die Anordnung von Menüs und Schaltflächen sind ähnlich.

Der Internationalisierungsaufwand ist bei einem reinen „Europa-Produkt“ also demzufolge deutlich geringer, als wenn die Software oder der Webservice zum Beispiel auch in arabischen, asiatischen oder afrikanischen Ländern angeboten werden soll: Hier gibt es zum Teil völlig andere Sehgewohnheiten, die Schriften haben andere Ausrichtungen oder sind sogar semantisch vollkommen unterschiedlich.

Auch Bilder, Symbole und Farbwahrnehmung unterscheiden sich hier teils deutlich von europäischen Gewohnheiten. Derartige Überlegungen vorab anzustellen vermeidet, später in eine Design-Falle zu tappen, aus der Sie sich nur durch eine höchst aufwändige Lokalisierung befreien können.

Schaltflächen flexibel gestalten

Das A und O guten Software-Designs ist eine ansprechende, übersichtliche Oberfläche. Wenn Sie eine Software mit Menüs verwenden, sollten Sie im Hinblick auf die absehbaren Märkte darauf achten, dass hier verschiedene Schriftrichtungen und Wortlängen berücksichtigt werden.

Ein Beispiel hierfür ist der Begriff „Büro“. Im Deutschen hat er vier Buchstaben, das englische „Office“ und das französische „Bureau“ schon sechs. Im spanischen kommt „Oficina“ bereits auf sieben Buchstaben, im Türkischen ist es „Yazıhane“ mit acht Buchstaben – und damit doppelt so lang wie die deutsche Formulierung.

Derartige Wortlängen-Unterschiede können sich in Menüs und Schaltflächen schnell multiplizieren, da hier naturgemäß mehrere Begriffe oder ganze Sätze vorhanden sind. Ähnliches gilt auch für Datumsangaben und Maßeinheiten, die je nach Land unterschiedlich gehandhabt werden. Bei der Internationalisierung ist also darauf zu achten, dass sich Schaltflächen und Menüs bei der Lokalisierung anpassen lassen, damit das Design der GUI nicht leidet.

Leserichtung beachten

Auch die Schreibrichtung spielt in Sprachräumen außerhalb Europas eine nicht unerhebliche Rolle, denn sie hat auch Auswirkung auf die Wahrnehmung von Schaubildern, Grafiken oder Schritt-für-Schritt-Anleitungen. In europäischen Sprachräumen ist eine Left-to-right-Ausrichtung (LTR) üblich: Schriften und Grafiken laufen von links nach rechts und von oben nach unten.

Entsprechend geprägt ist auch der Benutzer in seiner Wahrnehmung: Er wird automatisch links oben als „Anfang“ und rechts unten als „Ende“ eines Menüs oder einer Grafik wahrnehmen. Anders im Arabischen oder Hebräischen, hier ist die Schriftrichtung „RTL“, also right-to-left, sprich: Rechts oben ist der „Anfang“ und links unten das „Ende“.

Was bei der Menügestaltung recht einfach mit einer links- oder rechtsbündigen Softwaregestaltung zu bewerkstelligen ist, verlangt bei Grafiken eine komplette Umgestaltung in Form einer Spiegelung oder einer vollständigen Umarbeitung. Um das zu verdeutlichen, können Sie einmal ein Asterix-Heft zur Hand nehmen und alle Geschichten von rechts oben beginnend lesen: Der Band erzählt eine völlig andere (und damit vermutlich vollkommen wirre) Geschichte

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Farben und Formen austauschbar gestalten

Doch nicht nur die Schreibrichtung ist eine Stolperfalle: Auch kulturelle Sehgewohnheiten können eine Hürde bei der Lokalisierung darstellen und sollten bei der Softwareentwicklung von Anfang an berücksichtigt werden.

Wie unterschiedlich die Wahrnehmung sein kann, zeigt die grundverschiedene Farbsymbolik in unterschiedlichen Kulturen. Manche Farben haben dabei sogar komplett gegenläufige Bedeutungen, so zum Beispiel Gelb: Während die Farbe in westlichen und vielen asiatischen Ländern Freude symbolisiert, ist sie in Ländern des arabischen Raums eher mit Trauer konnotiert.

Auch bei Symbolen gibt es entsprechende Probleme. Es muss nicht immer so extrem sein wie beim Hakenkreuz, das in vielen Teilen der Welt mit dem Nationalsozialismus verbunden ist, in Indien hingegen ein sehr positives Glückssymbol. Dennoch sollten Sie bei der Internationalisierung darauf achten, grafische Elemente genau wie Farben und Formen im Rahmen der Lokalisierung austauschen zu können.

Bilder und Videos nicht fest verbauen

Deutlich wird das vor allem bei Bildern, die Sie in der Software, aber auch in Handbüchern, How-Tos und anderen Dokumenten verwenden. Diese müssen auf jeden Fall austauschbar sein, um zum Beispiel verschiedene Hautfarben und Typen wiedergeben zu können. Auch Handgesten können zu interkulturellen Missverständnissen führen.

Der erhobene Daumen, ähnlich dem „Facebook-Like“ ist in den meisten westlichen Ländern ein sehr positiv besetztes Zeichen und steht für „Okay“, „Super“ oder „Gefällt mir“. Kommt eine bei ausgestrecktem Daumen ein Auf- und Abbewegung ins Spiel, dann wird daraus im Mittelmeerraum, Nahost, Teilen Asiens und Afrikas sowie Australien hingegen eine obszöne Geste.

Wenn Sie derartige Fotos oder grafische Elemente einsetzen, gilt auch hier, im Rahmen der Internationalisierung für Austauschbarkeit sorgen. Nur so lassen sich kulturelle Missverständnisse vermeiden.

Blingbling vs. Sachlichkeit

Zu guter Letzt gibt es noch einen weiteren Faktor, der eine Rolle beim Design für die Internationalisierung spielt: Oftmals unterscheiden sich die Wahrnehmungs- und Lesegewohnheiten zwischen Ländern massiv. Dabei unterscheidet man zwischen sogenannten High-Context-Kulturen und Low-Context-Kulturen nach dem Anthropologen Edward T. Hall.

In ersteren erfolgt eine Aussprache von Sachverhalten indirekt und wird von zahlreichen Kontextfaktoren wie Gesten, Gesichtsausdrücken und Anspielungen unterfüttert. In Low-Context-Kulturen ist das anders. Hier ist die Ansprache direkt, die oben genannten Kontext-Elemente spielen eine eher untergeordnete Rolle.

Sichtbar wird das in der Wirkung, die zum Beispiel französische oder asiatische („high-context“) Filmkomödien auf deutsche Betrachter („low-context“) haben. Sie wirken zappelig, überladen, irgendwie überdreht. Umgekehrt wirkt Low-context-Content auf Angehörige einer High-Context-Kultur möglicherweise langweilig.

Das hat auch Auswirkungen auf das Software-Design: „Zappelige“, blinkende grafische Elemente können in Asien durchaus sinnvoll sein, während der (Nord-)Europäer schnell genervt ist. Auch hier sollte also im Rahmen der Internationalisierung eine Anpassung möglich sein.

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Über den Autor

 Christian Rentrop

Christian Rentrop

IT-Fachautor