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Mehr als nur eine Entwicklungsumgebung Der PaaS-Markt – ein dynamisches Cloud-Segment

| Autor / Redakteur: Michael Matzer / Elke Witmer-Goßner

Ob Infrastruktur, Applikationen oder Entwicklungswerkzeuge – alle diese Cloud-Services lassen sich heute bereits aus einer Platform as a Service (PaaS) beziehen. Nach Ansicht von Experten wird diese Cloud-Ebene sogar über den Erfolg von Industrie 4.0 und des Internet der Dinge entscheiden. Entsprechend hart ist der Kampf der Anbieter am Markt.

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Vormals nur ein Experimentierfeld für Cloud-Visionäre, entwickeln zunehmend auch etablierte Anwendungs- und Infrastrukturanbieter Cloud Business Software.
Vormals nur ein Experimentierfeld für Cloud-Visionäre, entwickeln zunehmend auch etablierte Anwendungs- und Infrastrukturanbieter Cloud Business Software.
(© Mathias Rosenthal, Fotolia)

Windows Azure, Salesforce Force.com, CloudFoundry und Google AppEngine sind als Beispiele für Platform as a Service bekannt. Doch Gartner hat tatsächlich bereits über 160 Beispiele gefunden und sie 2013 klassifiziert. Wer bislang wie der Berater Wolfgang Martin dachte, eine PaaS enthalte lediglich „eine auf die Cloud zugeschnittene Entwicklungsumgebung, mit der sich Cloud-Services schnell und flexibel entwickeln lassen“, der muss sich mittlerweile eines Besseren belehren lassen.

Grundlegende Typen von PaaS

  • 1. Application PaaS (aPaaS): Dies ist eine Cloud-Umgebung zum Erstellen und Betreiben von Geschäftsanwendungen, die durch eine GUI oder durch eine API Anwendern bereitgestellt wird. Eine Webanwendung zum Verwalten von Terminen, welche in der Google AppEngine laufen könnte, wäre ein Beispiel für eine aPaaS.
  • 2. Integration and Governance PaaS (iPaaS): Eines der Hauptprobleme einer PaaS besteht in der Integration, Governance und Interoperabilität von Services. Dies soll eine sogenannt iPaaS regeln. Gartner nennt dies auch Cloud Service Integration (CSI). Ein Adapter könnte etwa Cloud-Services wie auch On-Premise-Dienste integrieren und sich selbst als Dienst in der Cloud anbieten. Damit steht CSI in Konkurrenz zu klassischer Middleware. Ein Anbieter solcher Lösungen ist Mule iON.
  • 3. Add-on-Entwicklungsumgebungen: Damit lassen sich bestehende Software-as-a-Service-Anwendungen anpassen. PaaS-Entwickler benötigen hierzu meist über eine API Zugriff auf die SaaS-Anwendung selbst, entweder innerhalb eines Abos oder einer kostenlosen Entwicklerlizenz.
  • 4. Reine Anwendungsbereitstellung: Einige PaaS-Angebote bieten keine IDE an, sondern nur den Betrieb von Anwendungen in einer skalierbaren Umgebung und eventuell etwa Sicherheitsdienste.
  • 5. Offenes PaaS: Bei offenen PaaS-Angeboten werden dem Entwickler keine Programmiersprache, kein Datenbanksystem und auch kein Betriebssystem oder Server vorgegeben. Ein Datenbanksystem erscheint aber heute als Basis für die Persistenz einer Cloud-Anwendung als unerlässlich. Das ist u.a. einer der Gründe für den großen Erfolg von NoSQL-Datenbanken. Ein weiterer ist die bessere Skalierbarkeit einer NoSQL-Datenbank. Schließlich ist Skalierfähigkeit einer „elastischen“ Cloud das A & O einer Cloud-Plattform.

Gartner hat die obige Liste aber bereits erweitert, um Cloud Mobile Back-End Services, Cloud API Management Services, Business Analytics PaaS (baPaaS), Business Process Management PaaS (bpmPaaS), Content Delivery Networks usw.

PaaS ist erwachsen geworden

Neue Angebote wie IBM BlueMix oder Salesforce1 stellen der Entwicklungsumgebung selbstverständlich nicht nur eine Middleware, sondern auch IaaS-Ressourcen als Ablaufumgebung sowie SaaS-Partnerlösungen zur Verfügung. Auf diese Weise bekommt ein Entwickler nicht nur eine Cloud-Infrastruktur gestellt, sondern kann seine Services auch mit anderen zu einer gemischten Hybrid-Cloud erweitern. Voraussetzung dafür sind lediglich entsprechende App-Stores des jeweiligen Anbieters. Diese App-Stores sind je nach Reifegrad des Anbieters mehr oder weniger gut ausgebaut. Salesforce.com etwa kann auf eine umfangreiche AppExchange bauen.

Vorbei sind die Zeiten, als PaaS allein die Spielwiese der experimentierfreudigen Opensource-Community war. In Gemeinden wie Apache Stratos, CloudFoundry.org und Docker.io werde zwar nach Ansicht von Gartner-Analyst Massimo Pezzini immer noch versucht, De-facto-Standards zu entwickeln, um die Einheitlichkeit einer PaaS zu gewährleisten, damit sie sich leicht zwischen den etablierten Programmier-Frameworks portieren lässt. „Aber diese Versuche“, kritisiert Pezzini, „adressieren die neuen cloud-nativen Programmiermodelle für Cloud Business Software noch nicht.“

Alte Hasen erobern den Cloud-Markt

Cloud Business Software kommt nicht mehr nur von Google, Facebook und anderen „Visionären“, sondern zunehmend auch von den alteingesessenen Anwendungs- und Infrastrukturanbietern wie IBM, Oracle, SAP und Microsoft. Gerade vollziehen SAP und Microsoft spektakuläre 90-Grad-Wendungen hin zur Cloud, um sich dort strategisch aufzustellen. Dass sie jeweils ein PaaS-Angebot vorzuweisen haben, ist kein Zufall: Nicht nur dient es der Entwicklung neuer Cloud-Services und der Migration bestehender Applikationen, sondern auch der Bindung bestehender und neuer Kunden an die eigene Plattform. AWS etwa verfügt über rund 1500 ISVs, Integratoren und Lösungsanbieter.

Die Applikationen, die am häufigsten auf einer PaaS betrieben werden, sind nach Angaben der Forrester Group solche für die Nutzung des Web, Mobile Computing und Big Data. Die führenden Anbieter wie AWS offerieren daher entsprechende Cloud-Services. Der Interessent ist gut beraten, die Unterschiede zu vergleichen. (Dies erfolgt im 2. Teil dieses Beitrags). Das PaaS-Segment wächst laut Forrester bis 2020 jährlich um 38 Prozent und soll dann ein Marktvolumen von 44 Mrd. US-Dollar erreichen.

Ohne PaaS kein SaaS

Schon jetzt spezialisieren sich die PaaS-Anbieter auf vertikale Märkte, um hier ihre Fähigkeiten zu demonstrieren. Voraussetzung ist stets eine entsprechende Zertifizierung gemäß dem jeweiligen Standard. Für das Gesundheitswesen in den USA etwa wäre dies der HIPAA-Standard. Auch für Finanzdienstleistungen, die Verarbeitung von Kreditkartenbuchungen, die US-Regierung und selbst für die Filmindustrie sind Compliance-Bedingungen zu erfüllen.

In einem aufsehenerregenden Deal gelang es Amazon, ein Cloud-Rechenzentrum zu vermieten, dessen Nutzung nur den US-Regierungsbehörden offensteht. Die Botschaft vom Internet, das alle nutzen dürfen bzw. können, erweist sich zunehmend als Märchen. Im Interesse der Datensicherheit werden geografische Zäune errichtet, etwa für eine Europäische oder gar Schengen-Cloud.

Ausblick

„Platform as a Service (PaaS) wird in vielen Fällen zum Dreh- und Angelpunkt in Bezug auf die Inanspruchnahme von IaaS-Services oder zum Angebot fertiger Applikationen über Cloud-Marktplätze bzw. SaaS-Angebote“, sagt der Analyst Heiko Henkes von der Experton Group im „Cloud Vendor Benchmark 2014“. Demnach nehmen im PaaS-Segment auch Enterprise- bzw. Hosted-Varianten Fahrt auf.

„Anbieter, die diesen mittleren Part des Stacks beherrschen, werden von dort aus schnell an den wertschöpfenden und gegenüber dem Wettbewerb differenzierenden Kundenprozessen partizipieren können“, so Henkes weiter. „Für kleine ISVs lockt bei entsprechenden Vermarktungsoptionen und Ökosystemen wie etwa im Salesforce-Universum auch das Absatzpotenzial über den sogenannten Longtail-Effekt.“

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