Leipziger Hochschule prämiert Entwickler-Nachwuchs

Datenschutz und Effizienz als Innovationstreiber

| Autor: Stephan Augsten

Avatare können die Persönlichkeitsrechte von Referenten in virtuellen Veranstaltungen schützen.
Avatare können die Persönlichkeitsrechte von Referenten in virtuellen Veranstaltungen schützen. (Bild: HfTL)

Anonymisierte Telepräsenz, effiziente Präsentationen und DSGVO-konforme Datenlöschung: Solche Ideen brachte der Software-Engineering-Wettbewerb der Hochschule für Telekommunikation Leipzig hervor, von dem auch die Deutsche Telekom profitieren soll.

Womit verdient ein globaler Telekommunikationskonzern künftig sein Geld? Wo bekommt er auf dem hart umkämpften Arbeitsmarkt kreative, vielversprechende Mitarbeiter und Führungskräfte her? Wie kann die Gratwanderung zwischen technischer Leistungsfähigkeit und den Ansprüchen der Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) bewältigt werden?

Antworten auf diese Fragen liefert der Deutschen Telekom auch die Hochschule für Telekommunikation Leipzig (HfTL). Die Hochschule unterstützt den Konzern bei der Suche nach künftigen Einnahmequellen und dem dazu notwendigen Personal unter anderem mit einem „Software-Engineering Wettbewerb“: Im Rahmen des Studiums sollten die Teilnehmer in einem Semester in Gruppenarbeit eine Aufgabe lösen.

Kriterien zur Preisvergabe sind

  • der Schwierigkeitsgrad
  • die „Innovation“ („z.B. originelle Idee oder Abweichung vom Standard“)
  • der Aufwand
  • der Nutzen
  • der Projekterfolg und
  • die Kundenzufriedenheit

Der Wettbewerb läuft seit fünf Jahren – letzte Woche wurden sechs Preise für 2018 vergeben. Die Preise wurden dabei nicht nur vom Konzern, sondern auch von Dritten spendiert – etwa der Leipziger CCC Software GmbH oder der Metaeffekt GmbH aus Heidelberg.

Dominic Grimm und seine zehn Mitstreiter ersetzen in ihrem Projekt „Presentation 2 Animation“ (P2A) die Hochschullehrerin durch eine virtuelle 3D-Streichholzfigur – einen „Avatar“: Die Lehrerin wird aufgenommen und vor dem Abspeichern durch den Avatar ersetzt.

Die Studierenden, die die Aufnahme später ansehen, können zwar jede Bewegung, jede Geste dieses Avatars verfolgen, können aber allenfalls an der Stimme erkennen, ob der Vortrag von einer Frau oder einem Mann gehalten wurde. Und Sabine Radomski, Professorin für Software-Engineering an der HfTL, weist darauf hin: „Sprache geht auch, das Team hat sich aber zuerst auf das Bild konzentriert. So ein Semester ist auch schnell rum… Eine Weiterentwicklung ist durchaus möglich!“ Die Leistung wurde mit dem 1. Platz honoriert – eine schlaue Uhr.

So wird deutlich, dass die Wahrung der Persönlichkeitsrechte sogar ein Treiber für neue Entwicklungen sein kann; Radomski beispielsweise will nicht, dass sie als Person in ihren Tele-Vorlesungen „weltweit erkannt werden kann“. Bei diesem Anspruch kommt ihr der Gesetzgeber zu Hilfe: §22 des Kunsturhebergesetzes verlangt – abgesehen von einigen Ausnahmen – dass „Bildnisse […] nur mit Einwilligung des Abgebildeten verbreitet oder öffentlich zur Schau gestellt werden“ dürfen. Die Lösung von P2A ermöglicht einerseits die „entfernte“ Teilnahme an der Lehrveranstaltung und wahrt andererseits die Persönlichkeitsrechte der Lehrer.

Präsentationstechnik und sichere Datenlöschung

Auch wenn die Vorlesung „in“ einem Hörsaal stattfindet, kann sie durch die Elektronik unterstützt werden: Der Referent hat seine Präsentation auf einem beliebigen Endgerät und möchte sie den Studierenden auf deren Endgeräten per Wi-Fi zur Verfügung stellen. Das war die Aufgabe des zweitplatzierten Projekts „WLAN Ausgabe Bild“.

Zum Leistungsumfang der Lösung soll auch die Möglichkeit gehören, auf einem Whiteboard frei zu zeichnen. In der Abschlusspräsentation sind die Projektteilnehmer davon überzeugt, dass sich „die Effektivität und Geschwindigkeit beim Projizieren von Lehrinhalten erhöht“. Dafür gab‘s Bluetooth-Lautsprecher und eine einjährige kostenlose Mitgliedschaft bei der Gesellschaft für Informatik.

Der dritte Platz – ebenfalls Bluetooth Lautsprecher und ein Scrum Workshop – ging an die Mitglieder vom Team „Delete X“; deren Ziel: das rechtsichere Löschen: Vor dem Löschen werden die Daten zunächst überschrieben, dann verschlüsselt, dann noch zweimal überschrieben. Nach dem Löschen wird „deleted successful“ angezeigt. Projektleiter Tom Uwe Dieter Standfuß meint, dass die Anwendung mit Hilfe von entsprechenden Protokolldateien so weiter entwickelt werden könnte, dass sie letztlich auch DSGVO-konform eingesetzt werden könnte.

Die DSGVO verlangt von den Datenverarbeitern Rechenschaft darüber, dass zu löschende Daten tatsächlich gelöscht wurden. Ein entsprechendes Angebot hat Standfuß seinem Arbeitgeber bereits gemacht. Damit ließen sich auch Kosten senken: Aktuell zahlt der Konzern 6,35 EUR pro Anwender für eine entsprechende Anwendung eines Drittanbieters.

Personalplanung, Vereinsführung und Inventarisierung

Das Projekt „CCC-Personalplanung“ entwickelte eine Lösung zur Einsatzplanung von Schichtdiensten: Das Werkzeug soll die Verfügbarkeit und die Qualifikation der Mitarbeiter erfassen, bei der Auftragsplanung berücksichtigen und schließlich Aufträge automatisch zuweisen; der Auftragsplaner müsse lediglich die Vorschläge bestätigen, so die Präsentation des Projekts. Damit kam CCC-Personalplanung auf den vierten Rang. Die Gruppenmitglieder können jetzt an einem „Design Thinking Workshop“ teilnehmen und erhielten obendrauf noch einen Fidgetspinner (ein – angeblich zur Therapie von Autismus geeigneter – Handkreisel)

Für ihre „VereinsApp“ kam die Mannschaft um Vanessa Däbritz auf Platz fünf – und kann jetzt an einen „Open Source Workshop“ von Metæffekt teilnehmen. Zu den Funktionen der Anwendung gehören die Möglichkeit, persönliche Notizen zu erstellen und bei Bedarf mit anderen zu teilen, ein Kalender mit öffentlichen und nicht-öffentlichen Terminen, die Mannschaftskasse, ein Strafenkatalog und schließlich ein „umfangreiches Rollenkonzept für Admin, Trainer, Spieler und Kassenwart (zusätzliche Funktionen abhängig von der Rolle)“.

Mit dem „Inventarizer“ ermöglicht es das Team um Nicola Kellner den Nutzern, das Inventar zu verwalten: So lassen sich Gegenstände oder auch Räume mit Barcodes versehen, um dann fix eine Übersicht darüber zu bekommen, wieviel Stück jeweils von einem Artikel (in einem Raum) vorhanden sind. Über die Anwendung könnten sich nicht nur Buchhalter, sondern auch die Hausmeister freuen: Wieviele Lampen sind in Raum 325? Benötigen wir noch mehr Strom im dritten Obergeschoss? Für das Ergebnis wird die Mannschaft mit Platz sechs ausgezeichnet und kann dafür an einem Pentest-Workshop teilnehmen.

Die Professorin hinter dem Wettbewerb

Prof. Dr. Sabine Radomski, die Initiatorin und „Motor“ des Wettbewerbs, „hat das Engagement und die Kreativität der Studierenden bei der Lösung der gestellten Aufgaben begeistert. In diesem Jahr sind wieder hervorragende Produkte entstanden, welche sofort in die betriebliche Praxis übernommen werden können.“

2015 wurde Radomski von der Studentenzeitschrift Unicum als Professorin des Jahres ausgezeichnet. Sie lehrt an der HfTL in den Bereichen Verteilte Systeme, Software Engineering, Software Management sowie User Experience. Schwerpunkte ihrer Forschungstätigkeit sind Softwarequalität, IT-Sicherheit und Cloud Computing. Sie ist BITKOM-Expertin im Arbeitskreis Cloud Computing und Outsourcing (CCO) sowie Mitglied der Task Force Software-Gestalter und engagiert sich seit vielen Jahren als Botschafterin für MINT-Projekte.

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