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Platformication in der Finanzindustrie Chance für Banken und Entwickler

| Autor / Redakteur: Matthew Laskowski * / Stephan Augsten

Viele Banken nutzen eine historisch gewachsene, komplexe Legacy-IT. Das sorgt für lange Entwicklungszyklen und erfordert hohes Spezialwissen seitens der Developer. Eine offene Bankenplattform kann diese Hürden senken.

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Wollen Banken ihre gewachsenen Silos mithilfe individueller Lösungen miteinander verknüpfen, kostet das viel Zeit und Geld.
Wollen Banken ihre gewachsenen Silos mithilfe individueller Lösungen miteinander verknüpfen, kostet das viel Zeit und Geld.
(© wladimir1804 - stock.adobe.com)

Viele Banken transformieren gerade ihre IT im Rahmen einer umfassenden Digitalisierungswelle vor. Grund dafür sind unter anderem die PSD2-Richtlinie und Open Banking. PSD2 sieht vor, dass Banken ihre Kundendaten und IT-Systeme Dritten zugänglich machen. Dadurch stehen den Kunden auf Basis ihres Bankkontos auch Anwendungen anderer Anbieter zur Verfügung.

Aktuelle Modernisierungen im Bankenumfeld.
Aktuelle Modernisierungen im Bankenumfeld.
(Bild: Finastra / Efma)

Das erhöht den Modernisierungsdruck in der Finanzwelt, sodass sich die Banken im Umbruch befinden, wie eine Untersuchung von Finastra und Efma zeigt (siehe Abbildung). Sie modernisieren ihre Kanäle im Frontoffice und bieten ihren Kunden neue Kommunikationswege wie Live-Chat an; bei der Entwicklung neuer Anwendungen setzen sie auf agile Methoden sowie DevOps.

Doch auch Plattformmodelle halten aktuell immer weiter Einzug in die Banken-IT. Insbesondere der Plattformansatz auf Basis offener Schnittstellen bietet den Banken einen schnelleren Zugang zu neuen Anwendungen, die sich dadurch auch mit Legacy-IT nutzen lassen

Davon profitieren auch die Entwickler, weil offene APIs die Komplexität der gewachsenen IT-Umgebung in den Banken reduzieren. Sie müssen sich damit nicht mehr in die spezialisierten und komplizierten IT-Strukturen der verschiedenen Banken einarbeiten. Ein Blick auf die bestehende IT-Infrastruktur in weiten Teilen der Finanzbranche zeigt, wie groß der Bedarf an solch offenen Bankenplattformen aktuell ist.

Mainframes haben ausgedient

Viele Banken nutzen im Kern historisch gewachsene IT-Systeme, die mit noch älteren Programmiersprachen wie Fortran oder Cobol geschrieben wurden. Die proprietären Backend-Systeme halfen bei ihrer Einführung vor Jahrzehnten dabei, bestimmte Aufgaben wie Kontoeröffnungen und Transaktionen zu beschleunigen und effizienter zu gestalten. Diese Legacy-IT ist in den Banken bis heute die Grundlage, auf der sie jede neue Anwendung aufbauen.

Lange Zeit versprach dieser Ansatz die bestmögliche Kapitalrentabilität und Banken erreichten bis dato die bestmögliche Performance, da Mainframes schneller waren als x86-Server. Wohlgemerkt: vor zehn Jahren. Seitdem haben sich nicht nur die Servertechnologie weiterentwickelt und Cloud-Lösungen Einzug in die Unternehmenswelt gehalten. Auch der Kunde ist in der App-Welt von Apple und flexiblen Angeboten von Innovationsplattformen wie Amazon anspruchsvoller geworden.

Mit neuen Anforderungen der Kunden, beispielsweise an Onlinebanking oder mobiles Zahlen, entwickeln und kaufen die Banken immer neue Anwendungen, die auf den alten Legacy-Systemen aufbauen. Jede dieser Anwendungen ist auf eine Aufgabe spezialisiert: Sie ermöglicht einen Überblick über verschiedene Konten, steigert die betriebliche Effizienz oder verkürzt Ausfallzeiten.

Die neuen Anwendungen führen jedoch auch neue Dateiformate, neue Programmiersprachen wie C++ und neue Betriebssysteme wie Unix, Windows und Linux ein. Dadurch entstehen Silostrukturen in den Daten und Anwendungen der Banken, die einer aufwändigen Pflege durch die IT bedürfen und erst mühsam integriert werden müssen.

Komplexe IT-Landschaft lähmt Innovation

Mit der Innovationswelle rund um digitale Workflows investieren die Banken nun viel Zeit und Geld, um ihre Silos mithilfe individueller Lösungen miteinander zu verknüpfen. Die Annahme: Auf Legacy aufzubauen ist dabei immer noch schneller und weniger riskant, als das gesamte Backend zu ersetzen.

Durch neue, webbasierte Anwendungen führen die Banken jedoch noch mehr Programmiersprachen wie Perl, Python, Ruby, Java und PHP in ihre IT-Landschaft ein. Die IT-Abteilungen der Banken sind daher fast ausschließlich damit beschäftigt, ihre Legacy-Umgebungen zu pflegen und gleichzeitig die Anforderungen der Fachabteilungen zu erfüllen. Das Ergebnis dieser Entwicklung: Die Wartung von Altsystemen verschlingt laut IDC rund 80 Prozent der IT-Budgets.

Die Komplexität dieser IT-Umgebungen ist immens: Große Banken verfügen mitunter über mehr als 100.000 Anwendungen, jede davon beinhaltet mindestens zehn Millionen Zeilen Code. Schon eine kleine Änderung in diesem Gebilde kann zu Stabilitätsproblemen und Ausfallzeiten der IT führen. Fällt nur eine Anwendung aus, können Banken täglich mehrere Millionen Euro verlieren. Darum ist das Testen von Software-Neuerungen kritisch für die gesamte Bank-IT.

Darüber hinaus führt die Komplexität von Legacy-Umgebungen auch zu langsameren Zyklen in der bankeigenen Software-Entwicklung. Neue Projekte erfordern nicht nur Experten, die sich mit den Bestandstechnologien auskennen. Es ist auch sehr zeitaufwändig, die Anwendungen an die komplexen Produktivumgebungen anzupassen. Schafft es eine neue Anwendung bis zu diesem Punkt, ist es oft zu spät, um einen Wettbewerbsvorteil zu erzielen.

Einzigartige Chance für Entwickler

Finanzunternehmen müssen nun den Spagat schaffen: einerseits neue Anwendungen schneller bereitzustellen, um die Erwartungen der Kunden an innovative und benutzerfreundliche Lösungen zu erfüllen; und andererseits bisherige Investitionen zu schützen und die Ausfallsicherheit zu gewährleisten. Dabei ist ein Komplettaustausch der Bestands-IT im laufenden Betrieb keine Option, da es zu längeren Downtimes kommen würde.

Diese Problematik erfordert also einen neuen und umfassenden Ansatz, der eine unkomplizierte Anbindung neuer Anwendungen an bestehende Systeme erlaubt. Eine cloudbasierte Bankenplattform bietet dabei die Möglichkeit, die Kommunikation zwischen der Bestands-IT und neuen Apps über Open APIs zu vereinfachen. Damit lässt sich auch die Entwicklung moderner und kundenzentrierter Services beschleunigen.

Eine Plattform sollte die gesamte IT-Landschaft einer Bank über offene Schnittstellen integrieren können. Mit offenen APIs lassen sich neue Lösungen schnell und einfach an Legacy-Systeme anbinden. Ebenso benötigen die Software-Entwickler dadurch kein Spezialwissen über die verschiedenen Systeme, um sich auf der Plattform einzubringen.

Dank grafischer Werkzeuge und Bibliotheken mit modular einsetzbaren Objekten können Entwickler neue Apps schnell bereitstellen und monetarisieren. Dafür sollte die Plattform über einen Marktplatz verfügen, auf dem Programmierer ihre Anwendungen in einem App-Store einer breiten Nutzerbasis anbieten können – und damit einen größeren wirtschaftlichen Vorteil daraus ziehen als mit Einzelprogrammierungen für wenige Banken.

Fazit

Von einer offenen Bankenplattform profitieren nicht nur die Finanzinstitute, die ihren Kunden innovative Anwendungen anbieten können. Auch die Software-Entwickler in Fintechs oder in den Banken selbst gewinnen durch eine schnellere Markteinführung und eine breitere Anwenderbasis. Der Bank-as-a-Platform-Ansatz wird daher die Software-Entwicklung in der Finanzbranche revolutionieren und für die Anforderungen des digitalen Zeitalters rüsten.

* Matthew Laskowski ist New Ventures Consultant bei Finastra.

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