Interview mit Sara Faatz, Progress, zu Barrierefreiheit „Accessibility sollte generelles Developer-Mindset sein“

Redakteur: Stephan Augsten

Warum ist ein ein Accessibility-first-Mindset wichtig? Im Interview unterstreicht Sara Faatz, Director Developer Relations bei Progress, wieso Zugänglichkeit für Apps und Webseiten bereits im Studium beziehungsweise in der Lehre vermittelt werden sollte.

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„Wir müssen schon früh in der Ausbildung das Accessibility-first Mindset etablieren und bei erfahrenen Entwicklern das Bewusstsein dafür schärfen“, meint Sara Faatz.
„Wir müssen schon früh in der Ausbildung das Accessibility-first Mindset etablieren und bei erfahrenen Entwicklern das Bewusstsein dafür schärfen“, meint Sara Faatz.
(Bild: untodesign_ / Unsplash)

Sara Faatz, Progress: „Ein unzugängliches Produkt kann nicht von der gesamten anvisierten Zielgruppe genutzt und wertgeschätzt werden.“
Sara Faatz, Progress: „Ein unzugängliches Produkt kann nicht von der gesamten anvisierten Zielgruppe genutzt und wertgeschätzt werden.“
(Bild: Progress)

Dev-Insider: Ob gegen Klimawandel, Covid-19 oder Rassismus: In der Softwareentwicklung gibt es etliche Initiativen, die die Welt ein bisschen besser machen sollen. Sind Developer die Weltverbesserer und Aufklärer von morgen?

Sara Faatz: Ich bin mir nicht sicher, ob Developer sich wirklich von anderen Personen unterscheiden – Entwickler sind Menschen. Ich denke es fällt uns sehr leicht, unschöne Schlagzeilen und allgemein die Negativität wahrzunehmen, die aus dem Grundrauschen der sozialen Medien hervorsticht.

Aber ich glaube auch, dass die meisten Menschen in ihrem Innersten gut und anständig sind. Vielleicht ist es ja der Umstand, dass wir immer eher die schlimmen Dinge wahrnehmen, der in uns den Wunsch weckt, die Welt ein kleines bisschen besser zu machen.

Ich hoffe, dass Entwickler der Accessibility eine deutlich höhere Priorität einräumen, je intensiver wir uns darüber unterhalten.

Dev-Insider: Schon seit Längerem steht die Inklusion von Menschen mit Behinderungen im Fokus der Web- und App-Entwicklung, Stichwort Accessibility. Trotzdem tut sich manch ein Entwickler noch damit schwer, die User Experience seiner Produkte auf alle Hemmnisse anzupassen. Warum ist das so?

Sara Faatz: Ganz grundsätzlich stimmt etwas nicht daran, wie wir die Anwendungsentwicklung lehren, also ohne Accessibility-first Mindset. Erst wenn ein Entwickler die Grundlagen verinnerlicht und ein gewisses Können etabliert hat, führen Lehrkörper und Ausbilder die Zugänglichkeit als nächsten Komplexitätsschritt ein.

Devs schreiben allerdings intrinsisch Anwendungen, die Barrieren abbauen und Hindernisse für alle Nutzer beseitigen, wenn das Ganze bereits früher ein Thema ist. Erfahrene Entwickler haben vielleicht nicht immer das Auge für die speziellen Herausforderungen, mit denen sich manche Menschen konfrontiert sehen. Wir wissen oft einfach nicht, wie wir mit Dingen umgehen sollen, die wir nicht aus eigener Erfahrung kennen.

Ich hoffe jedenfalls, dass Entwickler der Accessibility eine deutlich höhere Priorität einräumen, je intensiver wir uns darüber unterhalten. Dazu gehört aber auch, dass wir das Thema auf eine Art und Weise behandeln, die für Entwickler Sinn ergibt.

Dev-Insider: Mal die moralischen und gesellschaftlichen Aspekte, die zweifelsohne wichtig aber auch selbsterklärend sind, außen vor: Warum sollten Entwickler darauf achten, dass ihre Lösungen und Produkte zugänglich sind?

Sara Faatz: Lässt man die moralischen und sozialen Aspekte weg, ist die Frage leicht zu beantworten: Wenn jemand dein Produkt oder deine App nicht nutzen kann, findet er eine andere Lösung. Entwickler erschaffen Dinge. Heruntergebrochen auf das Wesentliche bedeutet ein unzugängliches Produkt, dass die eigene Schöpfung nicht von der gesamten anvisierten Zielgruppe genutzt und wertgeschätzt werden kann. Ist es ein kommerzielles Produkt, führt dieses Problem zu Umsatzverlust.

Dev-Insider: Wie könnten die ersten Schritte hin zu einer zugänglicheren App oder Webanwendung aussehen? Gibt es hier Best Practices, um gemäß des Pareto-Prinzips möglichst viel mit möglichst wenig Aufwand zu erreichen?

Sara Faatz: Ein erster Schritt ist sicher, sich der Probleme bewusst zu werden, mit denen Menschen möglicherweise konfrontiert sind. Es schadet auch nicht, sich in Erinnerung zu rufen, dass ein wenig Vorausplanung und Rücksicht einen bedeutenden Unterschied machen können. Entwicklern rate ich daher, folgende Dinge zu bedenken.

Wer ein wenig Mitdenken und Verständnis aufbringt, wird automatisch reichhaltigere Anwendungen für alle User schreiben

Erstens profitieren Menschen mit körperlichen Einschränkungen oder beeinträchtigter Mobilität von der Unterstützung für eine vollständige Tastatur. Wo Zeitbeschränkungen nötig sind, etwa beim Ausfüllen eines Formulars, sind diese vom Entwickler bestenfalls großzügig zu bemessen.

Zweitens sollten für Menschen mit akustischen Einschränkungen Untertitel und Transkriptionen für Videos vorhanden sein. Auf Hintergrundgeräusche in Videos sollten Entwickler möglichst verzichten.

Für Menschen mit optischen Beeinträchtigungen ist es drittens hilfreich, wenn die Schriftgröße von Text in Anwendungen anpassbar ist. Entwickler sollten auch darauf achten, dass ein möglichst hoher Kontrast auf der Seite vorhanden ist. App-Hintergründe dürfen nicht zu unruhig sein und es ist wünschenswert, wenn die App mit einem Screen Reader oder einem Braille-Display kompatibel ist.

Viertens kommen Menschen mit kognitiven oder neurologischen Einschränkungen und Lernschwächen wie Dyslexie oder Autismus kommen oft mit einfacher und leicht verständlicher Navigation besser zurecht. Es sollten nicht zu viele Bereiche flackern, blinken oder sich bewegen. Es hilft Menschen mit Dyslexie, wenn die App oder Webseite bestimmte Schriftarten nutzt, etwa diejenigen aus der Sans-Serif-Familie.

Keiner der angesprochenen Punkte setzt per se ein neues oder spezielles Skill-Set voraus. Sie benötigen lediglich ein wenig Mitdenken und Verständnis. Entwickeln mit einem Accessibility-first Mindset ist einfach nur das: Ein Mindset. Sobald man beginnt, so zu denken, wird man automatisch reichhaltigere Anwendungen für alle User schreiben.

Dev-Insider: Accessibility ist ja mittlerweile ein Anliegen von Regierungen sowie Institutionen wie der WCAG – eigentlich werden die Entwickler also nicht komplett allein gelassen. Fehlt es hier vielleicht ein wenig an der Unterstützung seitens der Arbeitgeber und Vertragspartner, in deren Auftrag programmiert wird?

Sara Faatz: Ich glaube nicht, dass es an mangelnder Unterstützung liegt – es mangelt an Verständnis und dem richtigen Bewusstsein. Letzten Endes ist es für Menschen einfach schwer, sich mit Dingen zu befassen, die sie nicht verstehen. Ganz grundsätzlich müssen Entwickler in dieser Hinsicht besser geschult werden, wie ich bereits eingangs erwähnte.

Eine bessere und zugänglichere Welt für eine Person ist eine bessere und zugänglichere Welt für die gesamte Menschheit.

Wir müssen schon früh bei der Ausbildung das Accessibility-first Mindset etablieren und bei erfahrenen Entwicklern das Bewusstsein dafür schärfen. Dabei würde es helfen, wenn Ressourcen zum Implementieren von Accessibility möglichst einfach verfügbar wären. Auch auf Konferenzen sollte es nicht nur einzelne und dedizierte Talks geben, die sich mit dem Thema befassen. Natürlich möchte ich nicht, dass diese verschwinden, doch eigentlich sollte Accessibility in sämtlichen Sessions eine Rolle spielen, damit es die neue Norm wird.

Dev-Insider: Progress hat mit Blick auf die Inklusion ja einen Hackathon gestartet, bei dem alle Arten von Behinderungen angesprochen wurden. Was waren hier die besten Beiträge und wie kann bzw. konnte Progress davon profitieren?

Sara Faatz: Es gab sehr viele tolle Einreichungen und es war inspirierend, diese der Reihe nach durchzugehen. SCUP: Smart Checkup war für mich persönlich besonders interessant, denn damit können Nutzer Vitaldaten und die Historie ihrer biometrischen Daten während der medizinischen Fernversorgung an den behandelnden Arzt übermitteln.

Für Patienten, die nicht die Arztpraxis besuchen können, ist der digitale Arztbesuch so sehr viel bedeutsamer. Die aktuelle Version der App unterstützt die Datenübertragung von Sauerstoffsättigungsgeräten, EKG-Sensoren und kontaktlosen Thermometern in Echtzeit an eine Webanwendung.

Ich denke, dass eine bessere und zugänglichere Welt für eine Person auch eine bessere und zugänglichere Welt für die gesamte Menschheit ist. Auf diese Weise profitiert Progress natürlich auch davon. Je intensiver wir als Menschen, Teams und Organisationen an dem Guten arbeiten, desto besser wird die Welt. Und darüber lässt sich ja wohl nicht streiten.

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