Vom Tag der Abrechnung und der Rebellion der Maschinen

5 hartnäckige KI-Mythen – und die Wahrheit dahinter

| Autor / Redakteur: Christian Rentrop / Stephan Augsten

In der Science Fiction wendet sich Künstliche Intelligenz zwangsläufig und oft sogar aus logischen Gründen gegen ihre Schöpfer.
In der Science Fiction wendet sich Künstliche Intelligenz zwangsläufig und oft sogar aus logischen Gründen gegen ihre Schöpfer. (Bild: geralt / Pixabay)

Künstliche Intelligenz und Machine Learning sind Trend-Technologien, genießen aber keinen guten Ruf. Viele Menschen bringen beide Begriffe mit maschineller Übermacht in Verbindung und nehmen sie als Gefahr wahr. Die Realität sieht jedoch anders aus.

Intelligente Computer haben in der Science Fiction Tradition – und ziemlich häufig üble Laune: Egal ob HAL9000 im Kubrick-Klassiker „2001“, WOPR im Film „WarGames“, Skynet in der „Terminator“-Reihe oder die Borg aus „Star Trek“: Wo immer in Literatur, Film und Fernsehen eine überragende künstliche Intelligenz auftaucht, sind Zerstörung, Tod und Verderben nicht fern.

Entsprechend groß ist die Sorge vieler Menschen, wenn der Begriff „Künstliche Intelligenz“ irgendwo auftaucht. Mit der Wirklichkeit hat das aber nicht viel zu tun.

KI-Mythos 1: Künstliche Intelligenz ist ein Überwesen

Künstliche Intelligenz wird in der Popkultur oft als eine Art Überwesen dargestellt. Das verfügt nicht nur über ein eigenes Bewusstsein, sondern auch über Kreativität und kalte Logik. Von Ich-bewusster KI ist die aktuelle Technik zum Glück (noch) so weit entfernt wie eine Fruchtfliege von Leonardo da Vinci.

Kreativität ist schließlich das, was Menschen von Maschinen unterscheidet. Zwar gibt es schon einige frankensteineske Versuche, KI für Kunst zu begeistern. Allerdings erschafft die KI nicht selbstständig Neues, sondern verwendet eine vorhandene Datenbasis. KI-Kunst (und damit Kreativität) wirkt deshalb immer wie aus der Retorte.

Für ein Überwesen wäre eine „starke“ oder „generalisierte“ KI notwendig. Die gibt es aber bis heute nicht: Alle vorhandenen KI-Systeme sind „weiche“ oder „eingeschränkte“ KIs. Um eine harte KI mit Bewusstsein zu erschaffen, ist nicht nur enorme Rechenleistung notwendig, sondern auch grundlegendes Verständnis, was Intelligenz und Bewusstsein überhaupt sind.

Das schützt uns sicherlich nicht für alle Zeiten vor der Möglichkeit amoklaufender Supercomputer; derzeit ist die Wahrscheinlichkeit eines spontanen Entstehens eines solchen Systems trotz aller Rechenleistung aber ausgesprochen gering.

Realität: Ohne Verständnis von Bewusstsein kann dieses höchstwahrscheinlich nicht erschaffen werden.

KI-Mythos 2: Die Künstliche Intelligenz ist klüger als wir

Ebenfalls typisch für popkulturelle Maschinen ist die überragende Intelligenz. Die wird, na klar, irgendwann logisch schlussfolgern, dass Menschen ein Störfaktor auf dem Planeten sind – und uns alle vernichten.

In Wirklichkeit bilden KI und Machine Learning derzeit nur bestimmte Bereiche menschlicher Fähigkeiten ab. Das erlaubt entsprechenden Systemen heutzutage, bestimmte Daten viel schneller zu analysieren und Entscheidungen auf Datenbasis zu treffen, als Menschen es je könnten. Allerdings sind diese weichen KIs regelrechte „Fachidioten“, die in einem Bereich besonders hohe Leistungen erbringen erscheinen.

Damit sind sie aber, wie alle Computer, nur Werkzeuge. Zudem haben Menschen bei den Entscheidungen der KI normalerweise das letzte Wort. Das schließt die technologische Singularität – der Tag, an dem Maschinen intelligenter als Menschen werden nicht aus – verschiebt sie aber in eine nicht weiter spezifizierte Zukunft.

Realität: KI-Systeme sind nur in speziellen Bereichen „klüger“ – und immer nur so klug, wie ihre Algorithmen und Datensätze.

KI-Mythos 3: Künstliche Intelligenz wird uns Arbeitsplätze wegnehmen

Weiche KI-Systeme wie die Sprachassistenten von Apple, Amazon, Microsoft und Google sind allgegenwärtig. Auch in vielen Big-Data-Anwendungen kommt weiche KI zum Einsatz. Cortana, Siri und Co. kennen Antworten, die der Nutzer nicht kennt, was Laien suggeriert, die KI wäre klüger als sie selbst.

Entsprechend naheliegend ist die Sorge, dass ein KI-System irgendwann die eigene Arbeit übernehmen, den Menschen an sich überflüssig machen könnte. Zwar stimmt es seit Jahrzehnten, dass Computer (auch ohne KI) niedrig qualifizierte menschliche Jobs übernehmen. Dafür entstehen aber auch zahlreiche Jobs, die sich wiederum mit den Computern befassen oder nur durch die Arbeit der Computer ermöglicht werden.

Übrigens: Wer wirklich Angst davor hat, künftig durch eine Maschine ersetzt zu werden, kann die nicht ganz ernst gemeinte Website „Will robots take my job?“ ansurfen: Nach Eingabe des Berufs gibt diese eine prozentuale Wahrscheinlichkeit aus, ob der Job künftig von Maschinen übernommen werden kann.

Realität: KI kann wie jede neue Technologie Arbeitsplätze nehmen, erschafft dabei aber auch neue.

KI-Mythos 4: Künstliche Intelligenz wird Ärzte abschaffen

Wenn es KI-Systeme gibt, die medizinische Daten untersuchen, Diagnosen stellen und sogar Operationen durchführen – wird dann nicht der Arzt überflüssig? Und werden wir in der Folge nicht unglaublich abhängig von den Systemen?

Solche Sorgen sind unberechtigt, die künstliche Intelligenz ist auch in der Medizin nicht mehr als ein Werkzeug. Machine Learning kann zum Beispiel helfen Diagnosen zu stellen, weil enorme Datenmengen, komplexe Patientenakten oder die medizinischen Daten größerer Gruppen schnell nach Auffälligkeiten untersucht werden können.

Ein weiches KI-System kann zum Beispiel möglicherweise einen Tumor erkennen, den menschliche Ärzte zunächst übersehen hätten. Trotzdem sind wir ohne generalisierte KI weit von „künstlichen Ärzten“ entfernt: Natürlich wird der Radiologe oder Chirurg das letzte Wort bei Entscheidungen haben.

Realität: KI in der Medizin ist eine gute Sache, weil sie hilft, die enorme Menge medizinischer Daten zu analysieren.

KI-Mythos 5: Künstliche Intelligenz kann uns kontrollieren

Künstliche Intelligenz kontrolliert und steuert uns bereits. Nicht, weil sie klüger wäre als wir, sondern weil wir uns von ihren Entscheidungen abhängig machen und auf dieser Basis selbst Entscheidungen treffen.

Vor allem in Branchen, in denen viel Geld steckt, ist Big Data mit Machine Learning längst Standard. Das gleiche gilt bei der Überwachung und Fahndung nach Straftätern in manchen Ländern. Auch beim Online-Shopping, der Werbung und dem Marketing gilt: Wir werden beobachtet, analysiert und aufgrund unseres Verhaltens werden uns „Entscheidungshilfen“ gegeben.

Diese unterliegen zwar „nur“ der Agenda des jeweils steuernden Unternehmens, trotzdem spielt KI in diesem psychologisch wichtigen Bereich bereits eine nicht unerhebliche Rolle.

Realität: KI und Machine Learning überwachen und steuern uns bereits, allerdings haben wir auch einen gewissen Einfluss.

Fazit: KI und Machine Learning sind nach wie vor nur Werkzeuge

Insgesamt stellt die KI-Forschung derzeit keine Bedrohung dar: Weder Skynet, noch die Borg werden in absehbarer Zeit Realität. Realistischer sind da der Bordcomputer HAL9000 aus „Odyssee im Weltraum“ und WOPR aus „Wargames“: Eine intelligente Maschine, die an einer wichtigen Position sitzt und alles verwaltet, wird aufgrund eines Systemfehlers zum Risiko oder sogar Psychopathen.

Von psychiatrischen Erkrankungen sind Maschinen derzeit noch weit entfernt. Doch sitzen intelligente Computersysteme an wichtigen Schaltstellen und können autonom entscheiden, kann ein Fehler in der Programmierung oder in der Datenbasis durchaus für handfeste Probleme sorgen. Deshalb sollte ein AI-System auch niemals die letzte Entscheidung treffen dürfen.

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