Eco-Prognose für die Internet-Wirtschaft 2022 bis 2025: Erst hui, dann pfui

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Eco - Verband der Internet-Wirtschaft führt gemeinsam mit dem Beratungs- und Marktforschungsunternehmen Arthur D. Little seit 2008 regelmäßig eine Studie zur Entwicklung dieses Wirtschaftszweiges in den kommenden Jahren durch. Die aktuelle Version prognostiziert zunächst starkes Wachstum, dann einen leichten Schrumpfungsprozess.

Die Ukraine-Krise führt durch diverse Einflüsse 2022/23 zu stärkerem Wachstum der Internet-Branche.
Die Ukraine-Krise führt durch diverse Einflüsse 2022/23 zu stärkerem Wachstum der Internet-Branche.
(Bild: gemeinfrei / Pixabay )

Die wohl beste Nachricht stellte Oliver Süme, Vorstand des Eco-Verbands gleich an den Anfang der Präsentation der aktuellen Fortschreibung des Branchenmonitors der Internet-Wirtschaft: „Die Lage scheint für 2022 bis 2025 stabil zu sein.". Angesichts der kriegerischen Verwerfungen im Osten und zahlreicher weiterer Unwägbarkeiten vielleicht ein optimistisches Statement.

Die letzte Erhebung der seit 2008 regelmäßig durchgeführten Studie datierte aus 2020 also vom Anfang der Corona-Krise. Gegenüber dieser Zeit der Stagnation haben sich die Umstände gravierend geändert.

Nun beeinflusst der Ukraine-Krieg das Geschäft, und zwar gleich mehrfach: durch Inflation und Preissteigerungen insbesondere bei Energie, Sanktionen, Liquiditäts- und Lieferengpässe bei Vorprodukten und Rohstoffen sowie eine insgesamt schwierigere Finanzierung. Dazu kommen die humanitäre und geopolitische Krise mit Eskalationsgefahren als verunsicherndes Element.

Internet-Wirtschaft kommt gut durch den Ukraine-Schock

Doch die Internet-Wirtschaft kommt laut Prognose einigermaßen ungeschoren davon. Bis auf freiwillige Einschränkungen bei der Zusammenarbeit mit russischen Firmen im Bereich von Technologie und Medien ist sie nicht direkt betroffen.

Eine Ausnahme bilden Firmen mit russischer Herkunft – Paradebeispiel ist der Virenschutzspezialist Kaspersky – oder russische Tochterunternehmen. Letzteres ist aber eher selten.

Geld ist reichlich im Markt. Immerhin stehen 1,7 Billionen Euro Stimulus im Gefolge der Covid-Krise bereit, um die TMT-Infrastruktur auszubauen (TMT = Technologie, Medien und Telekommunikation).

Kurzfristig Umsatzwachstum, mittelfristig maßvolle Konsolidierung: So sieht die wahrscheinliche Entwicklung der Internet-Wirtschaft aus.
Kurzfristig Umsatzwachstum, mittelfristig maßvolle Konsolidierung: So sieht die wahrscheinliche Entwicklung der Internet-Wirtschaft aus.
(Bild: Eco/Arthur D. Little )

Steigende Kosten würden auf die Kunden umgelegt, prognostiziert Nejc Jakopin, Principal bei A.D. Little. Deshalb müssten diese mit höheren Preisen auch für die Intenet-Anschlüsse und -Dienste in den Jahren 2022 und 2023 rechnen.

Betriebskosten für Rechenzentren steigen

„Die Energiepreisspitzen und Lieferengpässe schlagen sich beispielsweise in den Rechenzentrumskosten nieder“, erklärt Jakopin. Die gesamte Branche befinde sich in einer preistreibenden Angebotskrise. Dies betreffe auch das Personal. „Viel von den hiesigen Glasfasernetzen wurde durch ukrainische Bauarbeiter verlegt. Die sind aber derzeit schwer zu bekommen.“

Gleichzeitig erhöht sich die Nachfrage – so ist das Datentransfervolumen über das Internet auch während der Covid-Krise stetig weiter gewachsen. Am Internet-Knotenpunkt DE-CIX beispielsweise legte sie zwischen 2018 und Februar 2022 jährlich um 29 Prozent zu.

Daraus ergebe sich für die Branche insgesamt in den Jahren bis 2025 eine Schaukelbewegung: In der gegenwärtigen Phase, die laut Eco/A.D. Little in diesem Jahr anhält und bis 2023 dauern könnte, geht es, so die Untersuchung, mit Preisen und Umsatz steiler aufwärts als im langjährigen Durchschnitt.

Gesundschrumpfen 2024/25?

Dann folge das dicke Ende: Durch einen Einbruch 2024 bis 2025 kehre der Markt wieder auf die langjährig beobachtete Wachstumskurve zurück. „Hier wird es eine Bereinigung geben“, prognostiziert Jakopin. „Anbieter sollten deshalb jetzt für ausreichend Rücklagen sorgen.“

Die Eco-Studie unterteilt die Internet-Wirtschaft seit jeher in vier Marktsegmente: Grundlegend sind Netzwerke, Infrastrukturen und ihr Betrieb (Schicht 1). Darüber liegen Services und Applikationen (Schicht 2), eine Aggregations- und Transaktionsebene (Schicht 3) und schließlich die digitalen Geschäftsmodelle der einzelnen Anbieter (Schicht 4). Die Segmente und ihre Unterbereiche haben über die nächsten drei bis vier Jahre eine leicht vom Durchschnitt, aber auch voneinander abweichende Wachstumskurve.

Gegenüber dem Szenario, das während der Covid-Phase erarbeitet wurde, fallen die Gesamtwachstumsraten bis 2025 mindestens gleich (Schicht 2), meist aber sogar etwas höher aus. Das hat auf jeder Schicht andere Gründe.

Wachstum trotz Krise

Die Unternehmen der Infastrukturschicht wachsen schlicht aufgrund höherer Nutzungsvolumen, aber auch durch die Weitergabe von Kostensteigerungen in der Leistungsproduktion. Schicht 2 legt besonders stark zu, weil Cyber-Sicherheit, die hier eingeordnet wird, zur dringenden Notwendigkeit wird und immer mehr Anwender IaaS oder SaaS nutzen.

Auf Schicht 3 (E-Commerce etc.) schlagen sich mehr E-Commerce-Affinität der Kunden, Knappheit, teurere Wertschöpfungs- und Lieferketten wachstumsfördernd nieder. Auf Ebene 4 sind es besonders mehr Smart Devices zur Senkung von Betriebskosten, aber auch teurere Inhalte, die das Wachstum erhöhen.

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Intelligente Industrien legen kräftig zu

Die vierte Schicht (Digitale Geschäftsmodelle) unterteilt die Studie in zwei Unterbereiche, nämlich erstens digitaler Content (4a) und zweitens Intelligente Industrien (4b).

Einzelsegmente sind bei den intelligenten Industrien Automotive und Mobilität, Industrielles IoT, intelligente Gebäude, Transport und Logistik, physische Sicherheit, Medizin und Gesundheitswesen sowie Weiteres. Hier schätzt die Studie das Gesamtwachstum zwischen 2020 und 2025 auf 16,8 Prozent und damit besonders hoch.

Der Bereich Smart Industries profitiert besonders von den kommenden Jahren.
Der Bereich Smart Industries profitiert besonders von den kommenden Jahren.
(Bild: Eco/Arthur D. Little )

Im Einzelnen sollen Smart Buildings von acht (2021) auf 13 (2023-25) Milliarden Euro Umsatz wachsen, industrielles IoT von 7 (2021) auf 12 (2025) Milliarden Euro und Automotive/Mobility von fünf (2021) auf zehn Milliarden Euro Umsatz. Dafür benennt die Studie mehrere Gründe. So seien diese Services mehr als andere von Inflation und makroökonomischen Einflüssen betroffen.

Der Anstieg der Versorgungspreise begünstige den schnellstmöglichen Umstieg auf intelligente Geräte. Auch Industrie- und Verwaltungskunden würden deswegen schnellstmöglich ihre Netze modernisieren.

Smart Buildings einer der Spitzenreiter

Betrachtet man, wann und wie sehr das Wachstum einzelner Segmente der vierten Schicht vom langjährigen Durchschnitt abweicht, zeigt sich, dass die größten Divergenzen nach oben 2022/23 bei der Smart-Buildings-Branche zu erwarten sind. Sie legt in dieser Zeit um bis zu 20 Prozent mehr zu als langjährig zu erwarten ist.

Dafür geht der Wachstumsberg an der Automotive-Branche spurlos vorbei. Sie performt 2022 und 2023 unterproportional und legt erst 2024 etwas zu, wenn die meisten anderen Segmente der Internet-Wirtschaft gerade konsolidieren.

Mobiler Access überholt festen Internet-Zugang

Interessant sind auch die prognostizierten Entwicklungen für Layer 1 (Infrastruktur): Hier zeichnet sich 2022 und 2023 ein stärkerer Anstieg insbesondere beim Zugangsnetz für das mobile Internet ab. Das ist wohl auf weiteren Ausbau von 5G-Infrastrukturen und -Anwendungen zurückzuführen. 2025 soll dieses Segment einen Umsatz von 18 Milliarden Euro erwirtschaften, 2021 waren es noch 15 Milliarden Euro.

Eine weitere interessante Entwicklung besteht darin, dass Co-Location und Housing erheblich wachsen sollen. Sie setzen nach den Prognosen 2025 13 Milliarden Euro um, für 2021 nennt die Studie 11 Milliarden Euro.

Dafür könnte das Marktsegment „fest verdrahtete Internet-Zugangsnetze“ 2025 gegenüber dem Vorjahr um eine Milliarde Euro schrumpfen. Es soll dann denselben Umsatz wie 2021, nämlich 11 Milliarden Euro, erarbeiten. Damit liegt es dann auf Platz drei, nicht mehr wie bisher auf Platz zwei der Marktsegmente in der Infrastruktur-Schicht.

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